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Norwegen 2018
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Bei den Ostfriesen

Endje van de Welt

Wir überlegen uns, bei diesem tollen Wetter in Giethoorn zu bleiben, entscheiden uns dann aber doch noch für die Weiterfahrt. Wir müssen uns aber schnell entscheiden, ich habe Angst, dass wir heute in Ostfriesland keinen Platz auf einem Stellplatz finden. Es ist Auffahrtswoche, nächste Woche Pfingstwoche, und auch noch Weekend. Wahrscheinlich jeder der ein Wohnmobil hat, ist nun unterwegs und in der Nähe des Meeres wird alles voll sein. Unsere Chance: am Mittag auf einem Stellplatz ankommen, wenn die Weiterreisenden abgefahren sind und die ankommenden noch nicht da sind. So fahren wir um 9 Uhr los, geniessen die Fahrt durch die Niederlande bis wir in Deutschland ankommen. Sofort werden die Strassen schlechter, die Gegend irgendwie ärmlicher.

Wir haben Ditzum im Visier, dort gibt es einen ziemlich grossen Stellplatz, der Ort ist aber etwas abseits und wird darum von vielen als „Endje van de Welt“ bezeichnet. Für uns ist es der Anfang von Ostfriesland. Die Ostfriesen sagen übrigens nicht einfach „Hallo“, sondern meistens einfach nur „Moin“. Und zwar den ganzen Tag. Zwei Ostfriesen können problemlos ein ganzes Gespräch führen mit: „Moin.“ „Moin.“ Das wars dann auch schon. Viel mehr Worte gelten fast schon als verdächtig gesprächig.

Als wir gespannt um die Ecke biegen, sind wir erstaunt: es gibt viele freie Plätze, voll würde anders aussehen. Sagen wir mal so: gut gefüllt. Der Tag ist schon gerettet!

Wir richten uns ein und machen dann einen kleinen Spaziergang auf dem Deich ins Dorf. Keine 5 Minuten später sind wir im Hafen. Ostfriesische Fischkutter, tolles Häfelchen mit Windmühle im Hintergrund, Fischbrötchenstand und eine riesige Deichmauer um den Hafen. Es ist schon krass, wie sich die Leute hier vor dem Hochwasser schützen. Die Deiche sind hoch und der Hafen ist vom Land her entweder nur über den Deich oder durch schwere, hohe Tore passierbar.

Wenn eine Sturmflut droht, werden diese Tore geschlossen und das Wasser vom Ort weggehalten. Der gesamte Ort ist übrigens auf einem künstlichen Hügel gelegen, auch wegen dem Hochwasser…

Einen Kilometer weiter in der Emsmündung hinauf ist das grosse Emssperrwerk. Riesige Tore werden bei Sturmflut geschlossen und so wird der ganze innere Teil des Landes bis nach Papenburg vor Hochwasser geschützt.

Emssperrwerk

Die Tore werden übrigens auch geschlossen, wenn in der Meyer Werft ein riesiges Kreuzfahrtschiff in die Nordsee überführt werden muss. Bei dann geschlossenen Toren staut sich die Ems auf 30 km Länge und es gibt bis 8.50 m Wassertiefe, genug für die ganz grossen Kreuzfahrtschiffe. Schon verrückt: mitten durchs platte Ostfriesland fahren dann Schiffe, die höher sind als alle Häuser in den Dörfern. Zu den Überführungen pilgern jeweils tausende Zuschauer an die Deiche, fast wie an ein Volksfest oder ein ostfriesischer Feiertag.

Jetzt ist aber keines dieser neuen Schiffe in Sicht, darum machen wir einen Spaziergang zur Windmühle. Es ist per Zufall Markt und die einheimischen Landfrauen betreiben eine kleine Kuchenstube.

Leider können wir nix kaufen, wir haben kein Bargeld und Kreditkarten werden nicht genommen. Mist. Der nächste Geldautomat ist 4 Dörfer und 11 km weiter in Jemgum. Also geniessen wir den Markt ohne etwas zu kaufen und zu essen… Wobei es schon schwerfällt, wenn überall frischer Kuchenduft in der Luft liegt. Die Ostfriesen trinken übrigens weltweit am meisten Tee pro Kopf, sogar mehr als die Briten. Tee ist hier keine Getränkewahl, sondern fast schon Religion. Mit Kluntje und Sahne natürlich. Und umrühren darf man traditionell auch nicht.

Wieder beim Womo machen wir uns mit dem Rad auf den Weg zum Geldautomaten. Die Strecke führt alles dem Deich entlang, zwischen Deichschafen hindurch, die seelenruhig den Fahrradweg blockieren. Die Schafe sind übrigens auf allen Deichen präsent, sie halten das Gras kurz und verdichten mit ihren Hufen den Deich, so dass er besser gegen Sturmfluten schützt. Eigentlich sind sie also lebendige Küstenschutzarbeiter. Und gemütlich sind sie auch: manche schauen nicht mal auf, wenn man mit dem Velo direkt an ihnen vorbeifährt.

Nach einiger Zeit haben wir dann endlich Bargeld und radeln wieder zurück. Anita sucht noch einen Geo-Cache auf dem Deich und dann können wir es nicht lassen und wollen noch Fisch essen gehen. Die Restaurants sind aber fürs Abendessen ziemlich voll, so können wir dann noch reservieren und bekommen einen Tisch auf halb acht. Es geht also noch ein bisschen, bis wir den einheimischen Fisch hier probieren können. Aber Vorfreude gehört in Ostfriesland wohl genauso dazu wie Wind, Tee und „Moin“.

Übernachtung

Ditzum - Am Deich ****
Deutschland, Stellplatz

Koordinaten: 53.31585, 7.2863952
N 53° 18' 57.1"  E 7° 17' 11"
letzter Besuch: 5.2026

 

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