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Lutziesteig Schweiz 2014
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Ruhrpott

von dreckig zu den spektakulärsten Lost-Place

Auf dem sehr ruhigen und grosszügigen Waldparkplatz rege ich mich vor Mitternacht noch total auf. Fährt doch ein weisser Renault neben uns, parkiert 20 Minuten, öffnet dann die Tür, stellt einen Sack mit Abfall von McDonald’s auf den Boden, schliesst die Tür und fährt wieder weg. Wie können die drei Personen zwischen 20 und 30 Jahren so ignorant sein? Und dann heisst es später wieder, das sei von den Wohnmobilen. Selbstverständlich schmeisse ich die Tüte am Morgen in den offiziellen Abfallkübel, keine 10 m vom Fundort entfernt. Aber es gibt mir echt zu denken, wenn das die Generation ist, die zukünftig das Sagen hat. Klar, es sind nicht alle so, aber ein paar wenige reichen eben.

Egal, am Morgen sind wir erholt. Zwischendurch hat es geregnet, aber wir sind frohen Mutes und fahren zum nächsten Tagebau Garzweiler, wo wir die Aussichtsplattform Skywalk benützen, um auch in dieses enorm grosse Loch zu blicken. Der Überraschungseffekt bleibt dieses Mal aber aus, schliesslich wussten wir heute, worauf wir uns einstellen müssen. Der Tagebau Garzweiler umfasst eine Fläche von rund 48 km² und gehört zu den grössten Braunkohle-Tagebauen Deutschlands. Kurze Zeit später stehen wir noch an einem anderen Rand des Loches, bevor wir uns auf den Weg nach Duisburg machen.

Ruhrpott, wir kommen!

Im Ruhrgebiet lebten früher über 500'000 Kumpels und Bergarbeiter gleichzeitig – eine der grössten Industrieregionen Europas, und extrem dreckig dazu. Die Hochöfen färbten nachts den Himmel orange, und die Luft war voller Kohlenstaub. Heute gehört die Region zu den bekanntesten Beispielen Europas für gelungene Industriekultur. Genau das wollen wir mit eigenen Augen sehen, und dazu haben wir den Landschaftspark Duisburg-Nord ausgesucht.

Wir finden den Parkplatz und den Stellplatz problemlos, parkieren unseren Knutschi und machen uns zu Fuss über die Strasse, um mal anzuschauen, worauf wir uns eingelassen haben. Da das Wetter gerade so gut ist, wird unsere Erkundungstour richtig lang.

Wir sind begeistert! Das alte Hüttenwerk, wo früher Eisen aus Erz geschmolzen wurde, ist riesig, ein Stahlkoloss mit vielen Kaminen, Hochöfen und was weiss ich noch alles. Wenn man sich vorstellt, dass jede Leitung irgendeine Funktion hatte, es überall dampfte und zischte, unglaublich heiss und laut war… Zwischen Staubfängern, Schlackebehältern, Kühlrohren, Eisenschmelztiegeln und Kohledepots irren wir umher, staunen und geniessen die Eindrücke der inzwischen rostigen Anlage.

Der Hochofen Nr. 5 ist der höchste und bietet einen unglaublichen Rundblick über den ganzen Landschaftspark und das Ruhrgebiet. Früher herrschten in solchen Hochöfen Temperaturen von über 2000 °C.

Der grosse Gasbehälter ist heute mit 20 Mio. Litern Wasser gefüllt und die grösste Indoor-Tauchanlage Europas. Da würde man mich aber niemals überreden können, zwischen versunkenen Autos, Flugzeugwracks und einem künstlichen Riff mit Sauerstoffflaschen zu tauchen. Schon mit Schnorchel ist das für mich grenzwertig…

Wir genehmigen uns noch eine Currywurst mit Pommes, praktisch das Nationalgericht des Ruhrpotts, bevor wir wieder die 200 m zum Knutschi laufen und uns in der Wärme etwas erholen. Gerade zum richtigen Zeitpunkt, geht doch tatsächlich ein Gewitter mit Hagel über uns hinweg, als wollte es sagen: So, erholt euch jetzt endlich mal.

Jetzt gibt es nur noch eines: wir warten, bis es dunkel ist. Die Stahlhütte soll nachts irrsinnig schön beleuchtet sein. Das sieht sicher ganz toll aus.

Nachtrag: der Landschaftspark Duisburg-Nord ist wohl der coolste Park, in dem ich je gewesen bin. Wir haben nun auch die weitere Umgebung entdeckt und es ist fantastisch. Alle paar Meter gibt es etwas neues zu entdecken, das quietschende Windrad, Aussichtspunkte, verlassene und abgebaute Bahngeleise, Kräutergärten, seltene Pflanzen etc. etc. Ich empfehle jedem Wohnmobilist, hier mal einen Tag zu verbringen. Der Stellplatz und die Besichtigungen sind übrigens kostenlos.

Nachtrag 2: die Beleuchtung Nachts war eher etwas enttäuschend. Extra warten, bis es dunkel ist, muss man aus meiner Sicht nicht. Für mich wäre es effektiver gewesen, mit viel Licht die Anlage von unten zu beleuchten. Die verschiedenen Farben haben wohl einen künstlerischen Touch, aber den habe ich irgendwie nicht verstanden. Aber es war dennoch eindrücklich, im Dunklen durch die Anlage zu gehen, es hatte etwas unheimliches und spannendes...

Ruhrpott

Früher war das eine der wichtigsten Kohle- und Stahlregionen der Welt. Unter der Erde lag enorm viel Steinkohle, deshalb entstanden hier ab dem 19. Jahrhundert unzählige Zechen, Hochöfen und Stahlwerke. Millionen Menschen arbeiteten im Bergbau oder in der Industrie. Der Ruhrpott war früher bekannt für schwarze Häuserfassaden durch Kohlenstaub, rauchende Schlote überall, harte Arbeit unter Tage und extremen Zusammenhalt unter den Arbeitern

Hier zählt weniger Status oder Luxus, sondern eher, ob jemand anständig ist und mit anpackt. Man trifft sich spontan auf ein Bier, eine Currywurst oder beim Fussball. Der FC Schalke 04, Borussia Dortmund oder der MSV Duisburg sind hier Familienangelegenheiten. «Hier zählt nicht, woher du kommst. Sondern ob du ein Kumpel bist.»

Ach ja, der Schimanski kommt von hier.

Übernachtung

Duisburg - Landschaftspark Nord ***
Deutschland, Parkplatz
erlaubt, aber besser etwas rechts in den Parknieschen, man ist dort besser vor Autoposern geschützt
Koordinaten: 51.48261, 6.7858305
N 51° 28' 57.4"  E 6° 47' 9"
letzter Besuch: 5.2026

 

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