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Egoismus und Gelbwesten

Nach 10 km Europa sind wir schon gestrandet

Wie schön und problemlos war es doch in Marokko! Jeder hilft dem Andern, keiner ist Alleine und alle sind irgendwie zufrieden. In Sète fahren wir um 14 Uhr von der Fähre, kommen reibungslos durch die Stadt und sind dann vor der Autobahnauffahrt im Chaos der Gelbwesten blockiert. Das ist gerade das, was wir in Europa zur Ankunft brauchten. Anfangs war es ja noch lustig, all diesen Leuten in ihren gelben Westen zuzuschauen und jeder entgegenkommende Wagen hatte die gelben Westen hinter der Windschutzscheibe.

Aber je länger wir warten, je mehr im Chaos wir sind, je mehr ich dieser Protest-Organisation nachsinnieren, desto trüber wird meine Laune. Oberflächlich sind ja alle stolz, dass sich diese Franzosen solidarisieren, sogar in Deutschland gibt es Sympathisanten. Aber es finden ja nur die gut, die selber nicht betroffen sind. Genau das gleiche hier.

Die Autobahnen sind blockiert und gesperrt und während wir mit 30km auf den Landstrassen hinter Lastwagen durch die verstopften Dörfer kriechen, jeden Kilometer einen Kreisel umrunden nerven vor allem die normalen Automobilisten, die ihre Warnwesten gut sichtbar als Sympantisant hinter der Windschutzscheibe gelegt haben. An allen unmöglichen Orten in Risiko-Überholmanöver zuerst an unserem Knutschi vorbei rasen und dann auch an den Lastwagen. Ist das Solidarität? Wenn sie wirklich solidarisch wären, würden sie in einer Ruhe hinter uns hertuckern, wir sind ja nicht freiwillig auf der Landstrasse, aber nein, sie müssen ja auch schnell irgendwohin und nehmen es einfach in Kauf, dass nichtbeteiligte auf Fahrrädern oder gar Kinder weghechten müssen. Sie finden sich jetzt als Kings, da die festinstallierten Radargeräte zugeklebt oder zum Teil sogar umgefahren wurden.

Einfach zum Kotzen! Protest ist ja gut, aber dass dabei immer Kollateralschaden entsteht, ist denen Wurst, sie sind ja nicht betroffen. Aber der marokkanische Familienvater auf der Fähre, der extra nach Europa an das Familienfest reist, kommt niemals pünktlich in Paris an, Und alle die, die heute die Fähre irgendwohin gebucht haben? Auch die können ihr bezahltes Fährticket vergessen.

Bei uns ist es ja nicht so schlimm, kommen wir halt zwei Tage später wie geplant zu Hause an, aber wer bezahlt mir den Arbeitsausfall? Mal sicher nicht diese Gelbwesten.

Sie protestieren gegen die Regierung, ist ja von mir aus recht, aber jetzt nach drei Wochen wissen sie immer noch nicht, wer und was eigentlich zum Verhandeln ist und wer berechtigt ist, zu sprechen. Hauptsache dem Ärger Luft machen, aber nicht weiter studieren. Nicht daran denken, dass sie genau das gleiche egoistische Verhalten haben wie viele andere auch: auf dem Land wohnen, in der Stadt arbeiten um mehr zu verdienen, als Grenzgänger in Frankreich leben, in der Schweiz das Geld verdienen. Jeder ist sich der Nächste. Geiz ist eben Geil! Ist ja überall so in Europa, aber jetzt beim Protestieren sich solidarisch zeigen. Solidarisch heisst aber mehr, als jetzt nur den mitgebrachten Kaffee zu teilen. Das würde heissen, eben auch ruhig in der Kolonne zu fahren und mehr Zeit zu brauchen wie normal, oder auch dann zu protestieren, wenn man selber Geld verdienen muss. Aber nein, lieber nur am Weekend protestieren und unter der Woche, wenn man die Strassen selber braucht um seinen Arbeitsplatz zu erreichen , sollen die Strassen bitte schön frei sein.

Die Proteste brachen ja aus, weil die Französische Regierung die Steuern auf Treibstoff erhöht. Aber ganz ehrlich: man müsste den Treibstoff und das Reisen allgemein auf der ganzen Welt um 100% erhöhen, ach was um 1000% ! Ganz viele und ganz gewichtige Probleme wären auf einen Schlag gelöst. Man bräuchte nicht noch mehr Strassen, die Energiewende wäre fast vollzogen, die Leute würden dort wohnen, wo es Arbeit hat und das Geld auch dort ausgeben. Europa hätte halt keine Bananen, Kaki und Advocados, «America first» wäre kein Problem mehr und «China first» grad auch nicht. «Schweiz first» wäre dann plötzlich inn und «Deutschland first» auch. Und die regionale Handwerkskunst wäre auch wieder wichtig.

Klar, der Kolateralschaden für mich als Womofahrer wäre dann halt auch, keine Marokkoreise mehr, dafür mehr in der Schweiz unterwegs, wäre ja auch schön.

So, das musste jetzt heute nach drei Stunden Stau mal raus, auch wenn wir schon lange auf irgend einem einsamen Stellplatz in Südfrankreich gestrandet sind und überlegen, ob wir grad zurück nach Marokko sollen. Platz auf der Fähre hat es ja, denn ziemlich viele werden die heute verpassen.


Datum
1.12.2018
direkter Link
https://www.womoblog.ch//blog/&blogID=1105

2.12.2018 - Egoismus heißt Jeder denkt an sich nur ich denk an mich

- Müller Karl


2.12.2018 - Leider hast Du den Sinn von Streiks nicht begriffen. Als kann man das vielleicht auch nicht. Ihr habt ja die direkte Demokratie. In anderen Ländern gehen die Menschen auf die Strasse gehen. Leider nicht genug!

Josef Haag


2.12.2018 - Oh je, ihr habt wohl etwas viel geraucht in Marokko... Die Franzosen machen ihrem Ärger wenigstens Luft. Andere Europäer sitzen nur rum und fluchen über die Regierung. Sollten viel mehr auf die Strasse gehen und Stellung beziehen!

Janine


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