kühl in Serbien

Wir haben sehr gut geschlafen, Totenstille und stockdunkel draussen. Und wir haben heute Morgen Zeit, um die Sonnenstrahlen zu geniessen. Da heute nur 80 km bis zum Vlasinasee auf dem Programm stehen, haben wir Zeit. So fahren wir erst gegen 11 Uhr Richtung serbische Grenze los.
Wir haben ein etwas schlechtes Gewissen, denn die bulgarische Vignette hätten wir gestern lösen sollen. Die ist anscheinend nicht nur für Autobahnen, sondern auch für viele kleinere Strassen nötig. So habe ich heute eine elektronische Vignette gelöst, konnte aber für gestern nicht mehr nachbuchen. Ob sie uns an der Grenze eine Busse aufbrummen?
Die Strasse schlängelt sich das Tal hinauf, wir geniessen und schweigen. Obwohl wir nur kurz in Bulgarien sind, ist uns dieses Land sympathisch
Irgendwie sind wir gespannt auf den Grenzübertritt nach Serbien. Bei der Grenzausfahrt aus Bulgarien das gleiche Prozedere wie bald üblich: IDs zücken, Fahrzeugausweis abgeben und auch den Führerschein. Alles läuft reibungslos und wir kriegen auch keine Busse. Nachdem die Beamten noch einen Blick ins Womo werfen, dürfen wir weiter.
Nun steht der serbische Grenzübergang an. Kein Mensch zu sehen, also fahre ich bis zur Schranke. Und schon pfeift mich eine mürrische Dame aus dem Gebäude an und gibt mir Anweisungen, beim ersten Schalterhäuschen zu stoppen. Also fahre ich 5 m zurück.
Grenzübergang
Die Mürrische und eine zweite Frau kommen nun gemächlich auf uns zu und setzen sich ins Häuschen. Ich gebe alle verlangten Papiere ab. Von wo wir kommen, wohin wir gehen? Ich erkläre alles so gut es geht, habe Respekt vor ihren Gesichtern, die keinen Funken von Freundlichkeit zeigen. Ungläubig starren sie auf den Fahrzeugausweis, vergleichen ihn mit irgendetwas anderem und schauen immer noch grimmiger. Keine Ahnung warum. Weil wir sie am Sonntagmorgen zur Arbeit zwingen? Denn wir sind weit und breit die Einzigen, die hier stehen.
Sie fragen noch nach, ob wir in den Kosovo wollen. Wir verneinen, denn wir wollen die Beamtinnen nicht noch hässiger machen. Zuerst durch Serbien, dann Montenegro und Bosnien. Sehen sie uns an, dass wir lügen und auch den Kosovo besuchen wollen? Aber da Serbien die Unabhängigkeit des Kosovo noch immer nicht anerkennt, sind wir besser ganz ruhig.
Irgendwann bekommen wir die Anweisung, 5 m vor zum anderen Häuschen zu fahren. Auch die Damen wechseln nun das Häuschen und ein anderer Beamter kommt im Befehlston daher, wir sollen unser Womo öffnen. Kein Wort zu viel, nur Befehle. Autoritär muss man halt aussehen.
Im Womo sieht er die Reisetabletten von Anita und will sofort wissen, was das ist. Danach will er wissen, wie viel Geld wir haben und wohin wir fahren. Ganz brav geben wir Auskunft. Uns ist irgendwie nicht mehr wohl und ein beklemmendes Gefühl beschleicht uns. Dann endlich sagt er nur «Okay». Ist das das Zeichen, dass wir fahren dürfen? Aber die Schranke öffnet sich nicht. Dann zeigt uns die Mürrische, dass wir um die Schranke fahren sollen. Nur keinen Fehler machen, also nochmals zurücksetzen und die Schranke umfahren.
Das beklemmende Gefühl, irgendetwas Verbotenes zu machen und in Serbien nicht willkommen zu sein, bleibt. Wir sehen auch keine anderen Autos. Ob wir hier das Land geniessen können?
Erst nach einer halben Stunde, als wir durch kleine, belebte Dörfer fahren, Leute lachen und winken sehen, verschwindet bei uns das Gefühl der Beklemmung endlich.
Es wäre doch so einfach, ein freundliches Wort eines Grenzbeamten, und alles wäre gut.
frostig
Danach geniessen wir die Fahrt bei schönstem Wetter zum Vlasinasee. Dieser See liegt auf über 1200 m Höhe, aber das finden wir erst später heraus. Genauer gesagt auf rund 1213 m und damit gehört er zu den höchstgelegenen grösseren Stauseen Serbiens. Was heute wie ein natürlicher Bergsee aussieht, war vor rund 75 Jahren noch eine riesige Moorlandschaft. Zwischen 1949 und 1954 wurde das Gebiet aufgestaut. Und Teile dieses Moors schwimmen heute als Inseln auf dem Wasser herum. Einige dieser Torfinseln tragen sogar Bäume und können durch Wind und Wasser ihre Position verändern.
Wir sehen aber keine solchen schwimmenden Inseln, sondern nur den mit Schlaglöchern gespickten Kiesweg, der zum See und einem schönen Platz hinunterführt.
Sollen wir es wagen? Oder doch nicht? Wir werweissen, gehen zu Fuss hinunter und wieder hoch. Ich bin dafür, Anita dagegen. Und weil ich am Steuer bin, zählt meine Meinung.
Wir kommen gut hinunter und finden einen tollen Platz an der Sonne. Stühle rausnehmen, Apéro servieren und mit Blick auf den See geniessen. Aber trotz Sonne müssen wir nochmals hinein, eine Jacke anziehen.
Ein Top-Platz!
Top Platz
Wir erholen uns und merken nicht, dass sich in unserem Rücken viele Wolken versammeln und dann alle genau gleichzeitig vor die Sonne wandern und über den See ziehen. Urplötzlich ist es gefühlt bitterkalt, das Thermometer zeigt 5 Grad an. Es ist richtig ungemütlich.
Zwei Einheimische rufen mich noch zu sich, ob ich ihnen nicht helfen könnte, ihr Boot zu drehen und wetterfest zu machen. Selbstverständlich helfe ich ihnen mit meiner puren Stärke und kurz darauf ist alles in Butter und sie bedanken sich sehr herzlich.
starker Mann
Auf der Wetterapp zeichnet sich ab 20 Uhr Regen ab. Regen hier unten am See? Wie sollen wir dann diesen Weg jemals wieder hinaufkommen, falls dieser wirklich nass wird? Wir beraten kurz und sind der Meinung, dass es besser ist, wenn wir jetzt bei trockenem Weg hinauffahren. Es ist sowieso zu kalt, um draussen zu sitzen, und in etwas mehr als einer Stunde ist es sowieso dunkel.
Was machen?
Ich finde in einer Stunde Fahrt in unsere anvisierte Richtung auf Google Maps einen Stellplatz, der toll aussieht. Also packen wir zusammen, fahren den Weg hoch und danach zu diesem Stellplatz.
Es läuft tipptopp und so kommen wir problemlos an. Toller Platz, inklusive sehr grossem Pool und noch besser: mit Restaurant, das sogar geöffnet hat. Der Besitzer begrüsst uns freundlich und kurze Zeit später sitzen wir schon an einem feinen Znacht: ein geräuchertes Nackensteak fein gebraten mit Pommes und einem feinen Salat. Spezialität des Hauses.
Wir hätten es nicht besser erwischen können.
Und jetzt, wo wir wieder viel tiefer sind, sind auch die Temperaturen viel angenehmer. Ob es jetzt am Vlasinasee schon schneit?
Nach einem holprigen Start in Serbien ist nun alles wieder gut.