Wir sind wiedermal Glückskinder

Letzte Nacht schlief ich sehr schlecht. Die Gedanken kreisen
ununterbrochen, was wenn, die Garage den falschen Alternator bekommen hat oder
noch gar keinen? Was, wenn unser Knutschi nicht repariert werden kann? Was
dann?
Aber vorher spuckte unser Nordlicht-App noch eine Warnung aus, wir sollten zum Himmel schauen. Und tatsächlich, ein paar Minuten später sehen wir es am Horizont grünweisslich schimmern. Das Weiss geht immer mehr zu Grün über, die Nordlichter werden stärker. Also schnell Trainerhosen über die Pyjamahosen anziehen, warme Jacke überziehen, Fotoapparat fassen und einige 100m von der hellen Garagenbeleuchtung in die dunkle Wiese treten. Und dann werden sie immer stärker! Zuerst als Bogen über dem Horizont, dann die berühmten Wellenbewegungen und wieder andere Streifen. Wir können uns nicht satt sehen, haben wir doch heute überhaupt nicht damit gerechnet, denn eigentlich sind wir ja noch weit im Süden. Wir schauen eine Stunde zu, bis sie schwächer werden und wir uns in unser Knutschi zurückziehen. Aber eben, danach habe ich schlecht geschlafen.
gestern Abend
Um 7:30 Uhr schrillt der Wecker, aufstehen und Knutschi
fahrbereit machen. Punkt 8 Uhr sind wir eigentlich bereit, in der Werkstatt sind
auch schon Leute angekommen. Ob es dann doch klappt?
Wir betreten die Werkstatt und können den Autoschlüssel abgeben, danach wird uns angeboten, auf der orangen Couch zu warten. Ist doch schon mal ein sehr gutes Zeichen, oder? Aber wir haben den Termin eigentlich erst um 9 Uhr, also wird unser Knutschi auch erst um 9 Uhr in die Halle in eine Box gefahren. Nun sehen wir es nicht mehr und wissen, dass nun mindestens ein Mechaniker am Arbeiten ist. Die Ungewissheit macht mir immer noch zu schaffen.
warten ist angesagt. Wie kann Anita so ruhig bleiben?
Jedes Mal, wenn sich eine Türe von der Werkstatt öffnet und
ein Mechaniker an die Theke geht, zucke ich zusammen. Bringt er jetzt schlechte
Nachrichten? Ist etwas zusätzlich defekt? Passt das Ersatzteil nicht? Nein,
auch dieser lässt sich nur einen Kaffee aus der Maschine, und alle anderen glaub
auch trinken mehr wie einen einzigen. Aber jedes Mal bin ich kurz vor dem
Herzinfarkt. Anita ist die Ruhe selbst. Wie kann sie nur so ruhig bleiben?
Nach zwei Stunden immer noch kein Knutschi oder ein
Mechaniker, der zu uns spricht. Läuft doch alles glatt? Oder gar nichts? KI
spukt aus, dass es zwischen 2 und 4 Stunden braucht, eine Lichtmaschine im
Ducato zu wechseln. Also muss es noch nichts heissen.
12 Uhr immer noch nichts. Dann um 12:30 Uhr wird mir total
überraschend unser Autoschlüssel in die Hände gedruckt und gesagt, dass es
fertig ist. Keine «Sorry, das hat nicht geklappt» oder «sie müssen leider nochmals
einen Tag warten». Mein Herz macht innerlich Freudensprünge und dann begleiche
ich die präsentierte Rechnung 674€ (3.5Std. Arbeit, neue Lichtmaschine mit 150A
und alles noch mit 25,5% Mehrwertsteuer garniert, neue Scheibenwischer sind
auch enthalten.) Ich bin wirklich sehr zufrieden und bezahle diese Rechnung
sehr gerne. Ich habe ungefähr mit diesem Betrag gerechnet, aber da ich meistens
bei meinen Schätzungen viel zu tief liege, freut es mich doch richtig. Wir
verabschieden uns vom Personal und könnten Freudenschreie in die winterliche Landschaft
hinausschreien.
Wir haben unser Knutschi wieder! Fit wie ein Turnschuh.
Nun muss Anita fahren, ich muss schliesslich mit dem App
alle unsere Systeme überwachen. Und es läuft viel besser, wie vor dem Werkstattbesuch!
Anscheinend war die Lichtmaschine schon bei unserer Abfahrt nicht mehr 100%
intakt, denn nun ist die Batteriespannung bei über 14 Volt, wie es sein sollte,
vorher hingegen war sie jeweils nur um die 13 Volt. Wow, was für ein tolles
Gefühl!
Nach dem Losfahren schreibe ich der Garage zuerst mal eine sehr gute Google-Rezension, denn das haben sie sich wirklich verdient. Erst danach beginne ich die Fahrt zu geniessen, Sonnenschein, zugefrorene Seen, einfach herrlich. Anita fährt gut, wir kommen gut Richtung Norden vorwärts.
unterwegs während der Fahrt
Einfach ein tolles Gefühl, wenn man auf nichts mehr schauen
muss und einfach fahren kann.
Die Sonne geht langsam unter, es wird mit -8 Grad massiv kälter aber noch immer ist der Himmel klar. Wir hatten heute stark bewölkt erwartet. Bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz spüren wir wieder die grosse Freiheit, wir brauchen weder Strom noch etwas anderes, eigentlich nur eine ebene Fläche und etwas Ruhe. Schlussendlich stehen wir aber wieder an einem Seeufer mit toller Sicht gegen Norden? Zeigen sich die Nordlichter nochmals? Das wäre fast zu viel des Guten für Heute!
Jyväskylä, tolle Lage am See
Innerlich und ganz leise rede ich heute den ganzen Tag mit
unserem Knutschi und bedanke mich, für die guten Dienste, die es immer leistet.
Und ich bedanke mich auch bei einer höheren Macht, denn wir hatten bisher immer
Glück. Es könnte ja auch sein, dass wir unverschuldet in einen Unfall geraten
und es ist auch nicht selbstverständlich, dass wir bisher immer gesund blieben.
Die einzelnen Hämatome an meinem Schienbein, die ich eingefangen habe, sind
nicht der Rede wert. Wie sind wir doch Glückspilze! Wir können die Reise
fortsetzen!
Ich sollte nun in Zukunft auch etwas mehr mit Anita reden…
9:14 Uhr Sonnenaufgang
15:39 Uhr Sonnenuntergang
6:25 Std. Tageslänge
sonnig, -5 bis -8 Grad
247km Fahrt
4:07 Std
59 km/h
10.9 Liter