viel steiler wie früher

Heute kommen keine neuen Womos mehr auf der Alp d’Huez an – alles voll, unten ist abgeriegelt. Es gibt kein Durchkommen mehr. Nur noch diejenigen Womos dürfen hoch, die zum offiziellen Tour-Tross gehören, also Womos von Arbeitern, Teams, Streckenausschilderung etc. etc.
Wir von unserer kleinen Reisegruppe haben verschiedene Ziele: Die einen biken zu den drei Seen hoch, die anderen fahren den ganzen Tag mit den Gondeln herum, vom Pic du Lac Blanc bis hinunter nach Auris-en-Oisans. Schliesslich kann man für 23 Euro den ganzen Tag alle Gondeln benützen. Und nur die ganz, ganz Harten fahren mit dem Velo die 14 Kilometer bis ins Tal hinunter, zwischen Tausenden von anderen Velofahrern bergauf oder bergab fahrend, nur um unten im Tal um den Kreisel zu fahren und sich anschliessend wieder den Berg hochzukämpfen. Schliesslich will man auch einmal die Strecke der Profirennfahrer hochfahren. So weiss man wenigstens, was die eigentlich leisten.
ein buntes Treiben
Anita und ich sind natürlich in der dritten Gruppe. Wir fahren ganze 45 Minuten runter, bis wir unten sind. Und dann kommen die ersten Gedanken: War das wohl richtig? Mögen wir da wirklich wieder hochfahren? Die Strecke war schon extrem lang und auch sehr steil. Viel steiler, als ich sie in Erinnerung hatte. Na gut, ich war vor 30 Jahren das letzte Mal hier. Es scheint, als wären die Berge in der Zwischenzeit einfach noch etwas gewachsen. Anders kann ich mir das nicht erklären.
Aber egal, wir fahren den Berg hoch. Jeder in seinem Rhythmus. Gianna und Riccardo schlagen mit ihren Velos ohne Motor ein ziemliches Tempo an. Ich selber gehe die Sache ganz gemütlich an. Schliesslich warten noch über 1100 Höhenmeter auf mich. Und nicht nur auf mich. Schliesslich ist auch Anita runtergefahren. Silvia, Fritz und viele andere ebenfalls. Hut ab vor allen, die mit uns da runtergerast sind – egal ob mit E-Bike oder normalem Velo. Einigen wurde ihr Mut, glaube ich, erst unten im Tal so richtig bewusst.
Die Steigung legt gleich richtig los. Auf den ersten 2,5 Kilometern beträgt die durchschnittliche Steigung über 10 Prozent. Das ist schon eine ziemlich unfreundliche Begrüssung. Ich trete meinen Tritt, langsam aber stetig. Unten geht es noch gut. Natürlich auch deshalb, weil Tausende andere dasselbe machen und man garantiert immer jemanden findet, der noch langsamer ist. Das baut auf.
Anita und ich noch ziemlich frisch
Die bereits postierten Zuschauer für morgen feuern einen an. Es herrscht ein wildes Treiben. Rennvelofahrer fahren runter, Rennvelofahrer fahren hoch – einige laufen auch – und dazwischen zwängen sich immer wieder Lastwagen hindurch, die noch Absperrgitter aufstellen. Frankreich eben. Irgendwie funktioniert am Ende doch alles.
Nach einigen Kilometern treffen wir uns alle in einem kleinen Festzelt. Cola trinken, Kräfte tanken, jammern. Danach geht es weiter den Berg hoch. Und es zieht sich. Und wie. Bloss nicht nach oben schauen. Die nächsten Kehren liegen gefühlt irgendwo im Nachbarkanton.
Ich fahre meinen Rhythmus, Anita mit E-Unterstützung neben mir. Aber immer auf der kleinsten Stufe. Man weiss ja nie, ob die Batterie bis ganz nach oben reicht. Zwischendurch fliegt ein bergabfahrender Fahrer in ein Auto, das ihm den Weg abschneidet, und landet sozusagen direkt vor unseren Füssen. Zum Glück scheint ausser Blech und Stolz nicht allzu viel kaputt zu sein. Es wird wohl nicht der einzige Sturz des Tages bleiben.
Udo gut gelaunt bis ganz oben
Ich gebe es ehrlich zu: Zwischendurch musste ich im Schatten eine kleine Pause machen, bevor es weiterging. Man könnte natürlich auch sagen, ich habe die Aussicht genossen. Die obersten fünf Kilometer sind dann für Autos gesperrt. Abschrankungen links und rechts, und wir Velofahrer sind unter uns. Obwohl es nun etwas weniger steil ist, kann ich trotzdem nicht mehr schneller fahren. Aber wen interessiert's? Ich bin ja nicht auf der Flucht.
Dann endlich, nach rund zwei Stunden, sind wir oben und kommen auf der Restaurantterrasse bei den anderen an, um uns zu stärken. Ich bin unterwegs bestimmt tausendmal überholt worden. Aber ich denke immer: Ihr seid doch nicht wirklich gut, wenn ihr das Gefühl habt, in 70 Minuten hochfahren zu müssen. Macht das doch. Kämpft. Leidet. Ich bin hier früher schon unter 45 Minuten hochgefahren – und damals nicht einmal am Limit. (ich dachte das jeweils nur, um mich selber zu motivieren! Es war heute jeder stark, der die Steigung bezwang!!!)
Allerdings nützt mir das heute herzlich wenig und ich komme fix und fertig oben an. Aber irgendwie bin ich doch stolz, dass ich mit meinen rund 200 Trainingskilometern die Alp d’Huez nochmals geschafft habe.
Jörg mit allen Siegern
Und ganz ehrlich: Es war heute genauso beeindruckend wie damals, als ich während des Rennens hochgefahren bin. Eigentlich war die Leistung heute sogar grösser. Damals konnte ich die Etappe sowieso nicht gewinnen. Also bin ich locker vor der Besenwagenkolonne hochgefahren und musste mich deutlich weniger anstrengen als heute. Und auch nicht so lange.
Heute hingegen habe ich zwar auch nicht gewonnen. Aber immerhin bin ich oben angekommen. Und manchmal fühlt sich genau das wie ein Etappensieg an.