kein Kühlwasser und viel mehr

Achtung: Bild ist KI generiert. Ich habe heute keine Fotos gemacht. Und ich würde nie am Schreibtisch einschlafen. Schon gar nicht mit Sonnenbrille.
Wir sind tatsächlich unterwegs! Ich kann es selber kaum glauben. Zwischendurch habe ich wirklich nicht mehr daran geglaubt, dass wir unsere Balkanreise überhaupt antreten können. Und nicht nur ich hatte Zweifel, auch Anita war sich irgendwann nicht mehr so sicher. Aber da wir die Fähre gebucht haben, mussten wir einfach los. Irgendwie.
Wenn ich die letzten zwei Wochen Revue passieren lasse, grenzt es tatsächlich an ein Wunder, dass wir jetzt mit unserem Knutschi irgendwo in Italien stehen. Denn was in diesen zwei Wochen alles passiert ist, hätte locker für zwei Monate gereicht. Mindestens.
So richtig strub begann es am 14. Oktober. Wir bringen unser Knutschi in die Garage zum Service vor unserer grossen Reise. Nichts Besonderes, einfach nochmals alles kontrollieren lassen, damit wir beruhigt losfahren können. Anita und ich nutzen die zwei Stunden, um im Thurgau ein paar Dinge zu erledigen. Als wir wieder in der Garage eintreffen, kommt die Frage, die man vor einer längeren Reise definitiv nicht hören möchte: «Wie lange habt ihr schon kein Kühlwasser mehr?» Äh, wie bitte? Kein Kühlwasser? Und der Motor ist nie heiss geworden? Keine Warnlampe, keine Auffälligkeiten, nichts?
Also beginnt die Suche nach einem Leck. Schläuche kontrollieren, alles absuchen, aber es wird nichts gefunden. Kühlwasser wird aufgefüllt, die Sache bleibt irgendwie unerklärlich. Und wir stehen mit einem ziemlich unguten Gefühl daneben. Statt mittags kommen wir erst in der zweiten Hälfte des Nachmittags nach Hause. Eigentlich hätte ich ja noch acht Stunden arbeiten sollen. Also werden diese acht Stunden einfach in die Nacht verschoben. Schlafen kann man ja später.
Am nächsten Morgen kontrolliere ich als Erstes das Kühlwasser. Es steht auf Minimum. Hat die Garage nur bis Minimum aufgefüllt oder ist schon wieder etwas verschwunden? Keine Ahnung. Aber jetzt haben wir keine Zeit für solche Fragen. Ich muss nach St. Gallen zum Curling, wo ich zugesagt habe. Es wird ein wirklich cooler Vormittag, mit viel Spass und anschliessend ordentlich Muskelkater. Nur bin ich dadurch wieder erst am frühen Nachmittag zu Hause. Und die acht Stunden Arbeit? Genau. Wieder ab in die Nacht damit.
Am nächsten Tag muss Anita früh zu ihrer Tochter. Nadine beginnt nach der Babypause wieder zu arbeiten, und Anita übernimmt das Hüten von Gianni. Ich kann am Vormittag endlich wieder einmal normal arbeiten. Ein kleines Wunder für sich. Mittags muss ich allerdings mit dem Zug zu meinen Eltern, denn Anita hat das Auto. Und anschliessend dürfen wir gemeinsam den 30. Geburtstag meines jüngsten Sohnes feiern. Ein schöner Anlass, den ich natürlich nicht verpassen möchte. Konsequenz: Um Mitternacht bin ich wieder zu Hause.
Jetzt kommt ja das Wochenende. Da könnte man endlich einmal etwas aufholen, oder? Von wegen! Der Suisse Caravan Salon steht vor der Haustüre, und Wohnmobilland Schweiz betreut dort einen Stand. Also Material zusammensuchen, Flyer einladen, alles vorbereiten. Zuerst muss aber Knutschi ausgeräumt werden, damit das ganze Messematerial überhaupt Platz hat. Das Wochenende ist vorbei, bevor es richtig angefangen hat.
Am Montag geht es nochmals in den Thurgau, um die letzten Druckerzeugnisse für den Salon abzuholen. Danach zurück, weiterarbeiten, packen, organisieren. Am Dienstag fahre ich mit Knutschi direkt nach Bern und bauen den Messestand auf. Dazu kommen am Mittwoch noch zwei Sitzungen inklusive Nachtessen. Am Donnerstag beginnt der Salon.
Endlich geschafft, denke ich. Denkste! Jetzt beginnt das eigentliche Drama.
Es wird bekannt, dass in PHP kritische Sicherheitslücken entdeckt wurden. PHP ist die Programmiersprache, mit der ein grosser Teil meiner Webseiten läuft. Auf meinen beiden Servern laufen zahlreiche Kundenwebseiten. Also beschliesse ich, nachts noch schnell die notwendigen Sicherheitsupdates zu installieren. Eine Sache von vielleicht 30 Minuten, denke ich. Das war wohl die grösste Fehleinschätzung der ganzen zwei Wochen.
Denn als ich mich mit dem Server verbinden will, läuft schon fast nichts mehr. Offenbar haben sich bereits Angreifer Zugriff verschafft. Webseiten sind nicht mehr erreichbar, Dateien beschädigt, der Server spielt verrückt. Aus den geplanten 30 Minuten wird eine ganze Nachtschicht. Ohne Erfolg.
Am nächsten Morgen erteile ich dem Datacenter den Auftrag, den Server wieder zum Laufen zu bringen. Ich selber gehe ohne Schlaf an die Messe. Schliesslich wartet dort unser Stand, und die Besucher interessieren sich herzlich wenig für meine Serverprobleme.
Mittags kommt die erlösende Nachricht: Server repariert! Vier Minuten später bin ich wieder verbunden. Und dann passiert etwas, das ich so schnell nicht vergessen werde. Ich muss praktisch live mitansehen, wie erneut auf den Server zugegriffen wird und Dateien zerstört werden. Da sitzt man vor dem Bildschirm, sieht zu, wie die eigene Arbeit der letzten Jahre den Bach runtergeht, und kann im ersten Moment kaum glauben, was gerade passiert.
Jetzt ist endgültig fertig lustig. Die alten Server müssen weg. Webseiten retten, Sicherungen suchen, neue Server einrichten, Programme anpassen. Und zwar möglichst sofort, denn hinter jeder Webseite steht ein Kunde, der darauf angewiesen ist. Ab jetzt besteht mein Tagesablauf aus zwei Teilen: Tagsüber Suisse Caravan Salon, nachts vor dem Computer Webseiten retten. Schlafen? Wird völlig überbewertet. So geht das bis zum letzten Messetag am Montag. Tagsüber Messe, nachts Server. Zwischendurch ein paar Stunden Schlaf, wenn überhaupt. Am Montagabend fahre ich endlich nach Hause wo ich um Mitternacht eintreffe. Jetzt müsste man eigentlich ins Bett fallen und zwei Tage durchschlafen. Aber die Webseiten sind noch lange nicht alle wieder online. Zum Glück habe ich noch lokale Backups. Also beginne ich, diese auf die neuen Server einzuspielen. Nur ist das leider nicht einfach eine Sache von Kopieren und fertig. Die neuen Server laufen mit aktueller Software, und viele ältere Webseiten funktionieren damit nicht mehr. Also muss ich teilweise ganze Programmteile neu schreiben.
Dienstag wird gearbeitet. Die ganze Nacht. Mittwoch wird gearbeitet. Wieder bis tief in die Nacht.
Zum Glück hat ein Tag ja 24 Stunden. Und wenn das nicht reicht, nimmt man einfach noch die zwölf Stunden der Nacht dazu. Irgendwie geht die Rechnung zwar nicht auf, aber in dieser Woche war sowieso nicht mehr alles ganz logisch. Langsam frage ich mich allerdings ernsthaft, wie lange ein Körper so etwas mitmacht.
Die Antwort kommt am Donnerstagmorgen. Ich bin krank. Die Stimme ist praktisch weg, ich kann kaum mehr sprechen und fühle mich, als wäre ein Lastwagen über mich gefahren. Wahrscheinlich wäre es vernünftiger, einfach im Bett zu bleiben. Aber mittags steht noch eine Sitzung an. Und um 16 Uhr wollen wir eigentlich in die Ferien starten. In die Ferien! Mit einem Wohnmobil, das noch nicht richtig gepackt ist, einem Kühlwasserstand, der mir Sorgen macht, Webseiten, die noch Arbeit brauchen, und einem Körper, der ziemlich deutlich signalisiert, dass jetzt langsam Schluss sein sollte.
Und Anita? Die hatte in dieser Zeit auch nicht einfach gemütlich die Füsse hochgelegt. Beinschmerzen, Röntgen, MRI und die entsprechenden Sorgen kamen bei ihr noch dazu. Neben Gianni hüten, Reisevorbereitungen und allem anderen. Eigentlich hätte es genügend Gründe gegeben, die ganze Reise abzusagen.
Aber irgendwann muss man sich entscheiden. Entweder wir bleiben zu Hause und arbeiten weiter, bis alles perfekt ist. Was vermutlich noch Wochen dauern würde. Oder wir fahren einfach los und schauen, wie es unterwegs weitergeht. Und tatsächlich: Um 16:30 Uhr rollen wir Richtung Autobahn. Ich weiss bis jetzt nicht genau, wie wir das geschafft haben. Aber wir fahren. Unser Knutschi ist unterwegs, Anita sitzt neben mir, und vor uns liegen vier Wochen Balkan. Eine Flasche Kühlwasser in der Garage.
Jetzt stehen wir irgendwo in Italien auf einem Stellplatz. Es ist dunkel, wir sind müde, eigentlich sogar hundemüde. Aber wir sind unterwegs! Und wir freuen uns extrem. Natürlich ist noch nicht alles erledigt. Die eine oder andere Arbeitsstunde wird mich auch in diesen Ferien begleiten. Vielleicht sogar ein paar mehr, als mir lieb ist. Aber lieber ab und zu irgendwo auf dem Balkan vor dem Computer sitzen, als die ganze Reise abzusagen.
Morgen geht es weiter Richtung Ancona, wo unsere Fähre nach Griechenland wartet. Und wenn ich aus diesen zwei Wochen etwas gelernt habe, dann dies: Man kann noch so viel planen, am Schluss kommt es sowieso anders. Aber manchmal klappt es trotz allem. Jetzt muss nur noch das Kühlwasser halten.
Und ein Dank an meine Kunden, dass ihr alle so verständnisvoll seid!