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Die grimmige Polizistin

Auf dem Pass

Wir sind heute Morgen etwas kaputt. Der gestrige Tag hat bei uns Spuren hinterlassen, also schlafen wir etwas länger als normal. Abgemacht war, dass wir heute um 9 Uhr Richtung Col de la Sarenne laufen bzw. fahren. Mit dem Velo die fünf Kilometer von unserem Womo bis dorthin und dann dort die Fahrer anfeuern. Die Kurve 1 an der Alp d’Huez haben wir gestern lange genug gesehen. Heute sollen andere Fans diesen genialen Platz erhalten.

Um 9 Uhr verzichten wir aber. Wir werden etwas später hinlaufen, denn mit den Velos wird es dann sowieso nicht mehr gehen. Erst um 11 Uhr können wir uns endlich entscheiden, etwas zu unternehmen. Wir packen unseren Rucksack und fahren mit der Bergbahn auf die erste Station Richtung Pic du Lac Blanc.

Bei der Station wären wir eigentlich gerade in Stimmung gewesen, auf der Restaurantterrasse etwas Feines zu essen. Leider gibt es dort nur eine Imbissbude, und darauf haben wir keine Lust. Also wandern wir los Richtung Südwesten. Wir müssen irgendwie links von der Landepiste hier oben hinunterkommen. Die Wanderwege führen nämlich alle direkt nach Alp d’Huez runter, und genau das wollen wir nicht.

auf dem Weg zur Tour de France

Also geht es zuerst etwas querfeldein und irgendeine Skipiste hinunter, bis wir endlich wieder auf einem richtigen Wanderweg landen. Zum Glück habe ich so eine unkomplizierte Frau. Ich glaube, wenn ich sagen würde: «Wir gehen jetzt da den Hang runter, dort hinten sieht es irgendwie nach einem Weg aus», kommt höchstens ein: «Na gut.» Andere hätten an dieser Stelle wahrscheinlich schon Google Maps verklagt.

Entlang eines Bergbaches ist es wunderschön und wir geniessen es, einmal ganz alleine zu sein. Weit unten sehen wir die Strasse, wo die Zuschauer schon stehen, und viele Womos, die dort auf einem anderen Stellplatz stehen. Genau dort wollen wir hin.

Quer über die Wiese sind wir dann doch recht schnell am Streckenrand und am Treffpunkt mit den anderen. Wir haben abgemacht, hier die Rennfahrer zu schauen, und Riccardo, Sandra und Gianna haben uns direkt an der Strecke zum Grillieren eingeladen. Mit Sicht auf die Rennfahrer, besser geht es kaum.

Aber kaum läuft der Grill, kommt eine Polizistin heranmarschiert, schaut streng und wedelt mit dem Finger. Kein Feuer. Waldbrandgefahr. Auch mit dem Gasgrill. Mist, also keine feinen Würstchen heute.

Den Grill dürfen wir aber auch nicht zu ihrem Womo bringen, denn dafür müssten wir die Strasse überqueren. Und das liegt nicht drin. Obwohl die Fahrer erst in vier Stunden kommen.

Wir nerven uns ein bisschen. Jedes Mal, wenn wir uns dem Strassenrand nähern, schaut die Polizistin grimmig und macht ein paar Schritte auf uns zu. Es darf niemand auf die Strasse. Auch nicht für fünf Sekunden. Weit und breit aber kein Auto in Sicht und wir sehen fast zwei Kilometer weit die Strasse hinunter. Ein paar hundert Meter weiter unten sind die Absperrungen zu Ende und die Holländer feiern und singen mitten auf der Strasse. Und wir dürfen nicht einmal mit dem kleinen Zeh den Asphalt berühren.

Na gut, dann ist es eben so. Aber was die da unten können, können wir auch. Über den Lautsprecher laufen Mundartlieder, unsere Cheerleader tanzen und unterhalten die anwesenden Zuschauer. Die Stimmung ist gut, die Aussicht ebenfalls und überhaupt kein Gedränge wie in Kurve 1. Wir sitzen am Strassenrand, liegen in der Wiese, diskutieren, fachsimpeln oder schlafen. Also nicht alle gleichzeitig.

Cheerleaders für die Stimmung

Es geht noch lange, bis die Fahrer kommen, aber nicht mehr lange bis zur Werbekolonne. Allerdings müssen wir dann mit Bestürzung feststellen, dass die Werbekolonne den Col de la Sarenne auslässt und gar nicht hier hochkommt. Keine Mützen, keine Schlüsselanhänger, keine Gummibärchen. Das Warten geht aber trotzdem bei guter Stimmung weiter.

Irgendwann kommen dann wieder die Übertragungshelikopter in Sicht, etwas später der Kamerahelikopter, dann viele Polizeitöffs, Materialwagen und bald sehen wir unten die Fahrer.

einfach tolle Stimmung und toller Sport

Fast einzeln fahren sie an uns vorbei. Hoch konzentriert, kämpfend, leidend und unglaublich schnell. Schliesslich sind es von hier nur noch acht Kilometer bis ins Ziel. Zuerst vier hinunter und dann die letzten vier wieder hinauf. Als ob der Tag noch nicht hart genug gewesen wäre.

Die Etappe war brutal. Das sieht man den Fahrern an. Nicht einmal im Grupetto, der letzten Gruppe, wird gemeinsam gefahren. Fahrer werden abgehängt, andere fahren vorne weg. Das ist ungewöhnlich und zeigt, wie hart diese Etappe wirklich war.

Dann ist der Besenwagen vorbei und wir sind bereit, die Grillutensilien zum Womo über die Strasse zu tragen.

Aber nix ist.

Die Polizistin schaut grimmig, winkt und signalisiert wieder: Kein Zeh auf den Asphalt!

Also warten wir nochmals fünf Minuten. Und nochmals fünf. Und nochmals fünf. Wir dürfen immer noch nicht auf die Strasse. Die Zuschauer mit den Velos müssen ihre Räder durchs Gras schieben, die Strasse ist aber komplett leer und seit zehn Minuten ist kein einziges Auto mehr vorbeigefahren. Wir begreifen die Welt nicht mehr.

warum dürfen wir nicht rüber?

Ich weiss, mit einer französischen Polizistin diskutiert man besser nicht. Aber irgendwann verjagt es mich und ich rufe ihr ein paar nicht ganz freundliche Wörter zu. Wir wollen ja nur über die Strasse. Auf einem Pass auf 2000 Metern Höhe. Die Strasse ist drei Meter breit und normalerweise kommt hier pro Stunde etwa ein Auto vorbei.

Die Polizistin bleibt unbeeindruckt. Die Strasse sei gesperrt. Das seien ihre Anweisungen.

Ich kann es nicht fassen.

Zehn Minuten später kommt ein anderer Polizist vorbei, der vorher etwa 50 Meter weiter oben gestanden hat. Er schaut uns an, schaut auf die völlig leere Strasse und scheint unsere Verzweiflung zu verstehen. Er redet kurz mit seiner Kollegin und überzeugt sie tatsächlich, dass wir jetzt über die Strasse dürfen.

Wir marschieren rüber, als hätten wir soeben die Landesgrenze überschritten.

Kaum sind wir drüben, wird hinter uns sofort wieder gesperrt.

Grund: unbekannt.

Immerhin sind wir jetzt beim Womo von Riccardo und dort wird der Grill endlich wieder aufgestellt. Die Würstchen brutzeln doch noch und wir geniessen den Abend. Es ist herrlich friedlich hier. Wir sind noch immer an der Strecke, haben aber eine völlig andere Stimmung erlebt als gestern. Gestern war Trubel, Menschenmassen, Lärm und Alp d’Huez. Heute war Passfeeling, Ruhe, Natur, Velorennen und eine Polizistin, die wahrscheinlich sogar einer Fliege ein Fahrverbot erteilen würde.

Als wir langsam zusammenräumen, schickt diese nochmals fünf Holländer mit ihrem Bollerwagen in die Wiese. Sie dürfen noch immer nicht, mehr als eine Stunde nach den Fahrern, die Strasse betreten.

Dreissig Sekunden später steigen sämtliche Polizisten in ihre Autos und fahren davon. Einfach so.

Wir schauen uns nur an und getrauen uns fast nicht, Richtung unserem Wohnmobil auf den Asphalt zu laufen. Aber da niemand mehr grimmig schaut und niemand mehr da ist, der uns zurechtweist, werden wir langsam mutiger. Am Schluss laufen wir sogar mitten auf der Strasse.

Wo in der letzten Stunde nicht einmal ein Auto gefahren ist.

Und ganz heimlich strecke ich dieser grimmig schauenden, oberkorrekten, sich strikt an jede Anweisung haltenden Polizistin die Zunge heraus. Aber nur innerlich. Sie konnte es nicht gesehen haben. Zum Glück.

Sonst müssten wir vermutlich heute noch im Gras warten.

7.8.2026 - Sehr amüsanter Beitrag! Befehl ist eben Befehl... Schon mal was vom Cobb-Grill gehört? ("Kein Feuer. Waldbrandgefahr. Auch mit dem Gasgrill. "), der wurde angeblich entwickelt für die Nutzung in der dritten Welt im Zelt. Absolut wIndsicher und jederzeit transportabel. Wir nutzen den fast nur noch. 

- Theo


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