Wasser, Wasser, Wasser

Wir entschliessen uns heute Morgen spontan, nach Holland zu fahren. Genauer gesagt nach Giethoorn. Zum einen liegt es fast genau auf dem Weg nach Ostfriesland, unserem Ziel, zum anderen tönen die Beschreibungen ganz toll: vom «Venedig der Niederlande» bis zu «keine Strassen». Dazu können wir so die heutige Fahrstrecke etwas verkürzen.
Wir kommen einmal mehr sehr schnell vorwärts. Etwa alle zehn Minuten wechselt das Wetter von Regen zu Sonne, und das wird auch den ganzen Tag so bleiben.
In Giethoorn gibt es einen Stellplatz direkt am Hafen und einen etwas weiter südlich mit 99 Plätzen. Das Erstaunliche: Er ist fast leer, als wir schon um 12 Uhr dort ankommen.
Da wir gerade eine der wenigen sonnigen Minuten erwischen, laufen wir direkt los ins Zentrum. Allerdings ist «direkt» relativ: Wegen der vielen Kanäle müssen wir einen ziemlichen Umweg machen. Es ist schon erstaunlich, scheinbar liegen hier rund 80 % der Häuser direkt am Wasser, fast jedes mit eigenem Bootssteg oder mindestens einem Boot vor Anker. Es sieht wirklich toll aus.
im neuen Teil des Dorfes
Beim «Touristenzentrum» an der alten Strasse nach Giethoorn ist ziemlich viel los. Dort gibt es viele Bootsverleiher, und eigentlich wollen wir so ein Elektroboot mieten, mit dem man lautlos durch die Kanäle tuckern kann. Aber weil schon die nächste Regenwolke im Anflug ist, entscheiden wir uns lieber für eine geführte Bootstour für 20 €. Der Hauptgrund: Dieses Boot hat ein Dach …
Im Nachhinein die richtige Entscheidung. So werden wir auch auf Deutsch informiert, wo wir gerade durchfahren, wie Giethoorn entstanden ist und dass zum Beispiel alle Kanäle und auch der grosse See davor nur etwa einen Meter tief sind. Alles entstand durch Torfabbau. Weil die Gegend ca. 1m unter dem Meeresspiegel liegt, wurden die ehemaligen Abbaugebiete später einfach geflutet.
Touristenallee
Die Dämme an der Küste schützen die ganze Region vor Hochwasser, und bei starkem Regen werden riesige Pumpwerke eingeschaltet. Unser Kapitän erzählt stolz, dass eine der Pumpstationen pro Minute Wassermengen von zwei 50m-Schwimmbecken Richtung Meer bewegt. Die letzte grosse Überschwemmung hier gab es vor rund 200 Jahren. «Wir Holländer können das halt», meint unser Kapitän trocken.
Trotzdem stehen viele Steinhäuser und sogar die Kirche auf künstlich aufgeschüttetem Hügeln (ca. 1.10m hoch), sicher ist sicher.
Wir werden eine Stunde lang durch die Kanäle geschippert, vorbei an vielen Privathäusern, die man nur per Boot oder zu Fuss erreichen kann. Teilweise haben sogar die alten Kuhställe direkten Wasseranschluss, damit das Heu direkt per Boot angeliefert werden konnte. Auch die Müllabfuhr kommt bis heute per Boot.

Der alte Teil von Giethoorn hat über 170 Holzbrücken, und fast jede gehört zu einem Haus. Falls man hier ein Haus kaufen will, muss man es übrigens selber bewohnen, reine Ferienvermietung ist sehr stark eingeschränkt. Laut unserem Kapitän verkaufen viele ausländische Käufer ihr Haus nach ein paar Jahren wieder: dunkle, ruhige Winter und jeden Tag Touristen direkt vor der Haustür seien halt doch nicht jedermanns Sache.
Der Winter bietet allerdings ein grosses Highlight: Wenn die Kanäle zufrieren, verwandelt sich das Dorf in ein Paradies für Schlittschuhläufer. Dann kommen so viele Holländer hierher, dass teilweise schon um 10 Uhr der Zugang beschränkt werden muss.
Nach der Bootstour müssen wir natürlich alles auch noch zu Fuss erkunden. Es sieht schon ziemlich einmalig aus. Irgendwie haben wir aber auch Glück mit dem schlechten Wetter, bei Sonnenschein hätte es hier vermutlich noch viel mehr Touristen als heute.
Vor der nächsten dunklen Wolke retten wir uns gerade noch ins «Grand Café Fanfare» und bekommen problemlos einen Platz. Der niederländische Film «Fanfare» von 1958 hat das Dorf übrigens weltberühmt gemacht. Seither pilgern Touristen aus aller Welt hierher.

Auf dem Rückweg gehen wir noch einkaufen, bevor wir wieder einige Umwege machen müssen, statt einfach über den Kanal zurück zum Stellplatz zu schwimmen.
Heute darf Anita endlich mal wieder etwas Feines kochen. Bisher haben wir meistens irgendwo köstlich gegessen, aber hier sind sie auf zwei zusätzliche Touristen nicht angewiesen.
Ach ja: Nass geworden sind wir heute trotzdem etwa drei Mal. Die anderen Regengüsse konnten wir gerade noch rechtzeitig aussitzen.