von Klöstern und Moscheen

Wir verlassen Ohrid in nördlicher Richtung, der Hauptstadt Skopje entgegen. Aber nicht auf der grossen Hauptstrasse E65, das wäre nun ja doch etwas zu einfach. Wir machen einen kleinen Umweg links über die Berge und entlang des Debarstausees.
Die Fahrt ist wieder mal grandios, manchmal am Seeufer entlang, dann wieder hoch über dem Wasser. Verkehr hat es keinen, die Strasse ist gut. Vom orthodoxen Ohrid merken wir immer mehr, dass wir Richtung muslimisch geprägte Gebiete fahren. Moscheen häufen sich, Minarette stechen in den Bergen gegen den Himmel. Aber immer wieder orthodoxe Kirchen dazwischen.

In Nordmazedonien sind ca. 46 % der Bevölkerung orthodox, 32 % muslimisch. Das Land liegt an einer jahrhundertealten kulturellen Schnittstelle zwischen dem christlich-orthodoxen und dem islamisch-osmanischen Europa. Diese Geschichte ist nicht nur in Museen sichtbar, sondern in der Architektur, beim Essen, in den Feiertagen und manchmal sogar in den Geräuschen, die einen morgens im Wohnmobil wecken.
Und während die Kirchenglocken und der Muezzin durchaus unterschiedlicher Meinung sind, wann man morgens aufstehen sollte, gehören beide seit Jahrhunderten zur Geschichte dieses Landes. Es ist auch so, dass diese Bevölkerungsgruppen heute weitgehend friedlich miteinander leben.
Einige Kilometer nach dem Stausee wollen wir rechts abzweigen zum orthodoxen Kloster Sveti Jovan Bigorski. Allerdings steht ganz unten beim Abzweiger ein altes Verkehrsschild, dass nur Lastwagen bis 6 m die Bergstrasse befahren dürfen. Was machen? Wir sind 7,30 m lang. Wir wollen nichts riskieren, parken unser Knutschi und laufen den Kilometer bis zum Kloster. Halb so schlimm. Allerdings ist die Tafel total übertrieben, es könnte auch ein vollgeladener Sattelschlepper hinauffahren, selten so breite Kurven gesehen. Also für jemanden, der später mit dem Womo hochfahren will: Von der Strassenbreite her absolut kein Problem.
Wir kommen aber gut zu Fuss oben an und das Kloster fasziniert uns vom ersten Augenblick an. Es ist total neu renoviert, sieht wenigstens so aus, und toll an den Berghang hingebaut. Beim Eintritt (2 €) bekommt Anita einen langen Rock. Die orthodoxe Kirche hält vielerorts an traditionellen Unterschieden zwischen Männer- und Frauenkleidung fest. Ein Rock gilt dabei als traditionelle Frauenkleidung, während Hosen eher Männern zugeordnet wurden.
Anita im ausgelehnten Rock
Das Kloster ist verwinkelt, schön und fast menschenleer. Wir geniessen es und stöbern ein wenig herum, fotografieren die grosse Glocke und den Glockenturm, begegnen orthodoxen Mönchen (oder Priestern oder so ähnlich).
An der gegenüberliegenden Bergflanke steht übrigens eine grosse goldene Moschee mit zwei Minaretten, die hinüberwinken.
Nach einiger Zeit haben wir es gesehen, das neue, wahrscheinlich als Touristenzentrum gedachte Gebäude vor dem Kloster hat geschlossen, kein Restaurant geöffnet. Also marschieren wir wieder zu unserem Knutschi und fahren nach einer Kaffeepause weiter.
Nun fahren wir kilometerlang durch die Radika-Schlucht zum Mavrovostausee. Die Schlucht ist ziemlich tief und steil, die Berghänge aber doch bewaldet, und das mit allerlei Laubbäumen. Jetzt Anfang November leuchten deren Blätter von goldgelb bis rotbraun. Einfach fantastisch. Die Fahrt lohnt sich. Allerdings wird das Wetter eher trüber statt schöner, kurz vor dem Stausee zieht sogar Nebel auf und die Farbenpracht leuchtet etwas weniger.
Radika-Schlucht
Den Mavrovosee umfahren wir ostwärts, denn wir wollen die alte Kirche St. Nicholas sehen. Sie steht zeitweise etwa 2 m unter Wasser, weil der Stausee in den 1950er-Jahren angelegt wurde. Man hat damals für die Stromversorgung ein ganzes Tal unter Wasser gesetzt, mitsamt seiner alten Dorfkirche. Heute ist ausgerechnet diese Kirche das bekannteste Wahrzeichen des Sees geworden.
Allerdings sind wir etwas enttäuscht, das Wasser ist heute viel niedriger und die inzwischen teilweise eingestürzte Kirche steht ganz normal an Land. Die Wasserlinie ist aber deutlich sichtbar, wie hoch das Wasser jeweils kommt. Wir müssen also schweren Herzens auf ein tolles Foto verzichten, besuchen dafür aber die neu erbaute Ersatzkirche St. Nicholas. Diese sieht schon etwas toller aus.
steht heute nicht im Wasser
Nach der kleinen Enttäuschung fahren wir rund um den See herum. Es ist wieder eine tolle Fahrt mit keinem anderen Verkehrsteilnehmer auf der gesamten Runde. Die Bäume leuchten in allen Farben und das Laub säumt die Strassenränder.
Wieder auf der Hauptstrasse geht es bergabwärts nach Gostivar. Auch hier würde sich ein Stadtrundgang lohnen, in Gostivar sieht man, wie nahe die orthodoxe und die islamische Welt beieinanderliegen. Aber für alles haben wir eben keine Zeit. Immerhin gehen wir in der Stadt einkaufen und füllen unsere Vorräte auf.
Danach biegen wir für 50 km auf die Autobahn ab und kommen schnell vorwärts. Allerdings kommt geschätzt alle 10 km eine Mautstation, Fenster runter, Kreditkarte dem Kassierer hinhalten, es werden Denar abgebucht, Kreditkarte zurückerhalten, Fenster hochmachen und weiterfahren.
So kommen wir um 15 Uhr bei einem tollen, kleinen Stellplatz an, wo wir uns einrichten. Allerdings wollten wir ursprünglich den Matka Canyon besichtigen, der liegt nur 6 km von hier. Aber da es hier jeweils um 16:30 Uhr schon stockdunkel ist, lassen wir es bleiben, nehmen unsere Stühle hervor und sitzen bei 8 Grad vor unserem Knutschi, freuen uns des Lebens und des Aperitifs.
Nach einer Stunde verziehen wir uns aber ins warme Knutschi …
Ach ja: dem hiesigen Muezzin könnte man noch ein paar Stunden Gesangsunterricht spendieren.