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Balderschwang Deutschland 2016
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Reisebericht

Entfalten, entdecken, entspannen 11.5.2026

Wir sind unterwegs

Der Titel oben war das Motto der sehr schönen Camper-Segnung vom Sonntag in St.Gallen. Dieses Motto wollen wir in diesen 10-tägigen Ferien zu Herzen nehmen. Auch die Tipps der Seelsorger wollen wir folge leisten: keine Nachrichten konsumieren, nur den Moment geniessen, für uns da sein und uns erholen.

Das Entfalten heute morgen fiel mir nicht schwer, habe ich es anscheinend bitter nötig. An der Segnung bekam ich einige lieb gemeinte Komplimente: «du siehst müde aus» oder «du hast glaub viel Arbeit, oder?». Anscheinend sah man mir es an, dass ich ferienreif bin. Darum habe ich nicht nur die Bettdecke entfaltet um 6 Uhr morgens, sondern auch mich. Allerdings musste ich zuerst noch ein paar wichtige Dinge erledigen, Mails beantworten und natürlich unser Knutschi packen. Da Anita noch bis Mittag zur Arbeit musste, blieb vieles an mir hängen. Aber ich wollte nach dem Mittag starten und nicht noch Zeit verplämpern. Schliesslich komme ich zu Hause weder zum Entdecken noch zum Entspannen.

Also fuhren wir schon um halb zwei los. Richtung Deutschland, Richtung norden. Einfach drauflos. Na ja, wer mich kennt, einfach drauflos ist schon nicht ganz richtig, Plan A und Plan B müssen bereit sein. Allerdings sind sie dieses Mal nicht fertig ausgearbeitet. Also doch irgendwie drauflos.

Über Zürich nach Basel und dann Frankreich. Nicht unser häufigster Weg, aber heute die sinnvollste Strecke. Ich möchte irgendwo in der Vulkan-Eiffel übernachten. Es sind allerdings 575 km bis zum herausgeschriebenen Stellplatz.

So merke ich schon kaum über der Grenze in Frankreich, dass dieser Weg elendlich lang ist und wir wahrscheinlich nicht die Lust haben, so weit und so lange zu fahren. Also bekommt Anita den Auftrag, einen Stellplatz etwas früher an der Strecke zu suchen.

Schnell hat sie einen herausgeschrieben und navigiert mich von der Autobahn. Beim dritten Kreisel sehe ich dann plötzlich ein Schild zu einem Stellplatz, aber in eine andere Richtung, wie Anita meint. Es steht gleichzeitig noch etwas von Jachthafen, also sofort Blinker raus und dem Wegweiser folgen. Keinen Kilometer später stehen wir am Eingang eines CampingCarPark-Stellplatzes. Einfach perfekt: unsere «Kundenkarte» zücken und schon öffnet sich die Barriere.

Einfach toll, wir stehen an einem Kanal mit Bootshafen und Schleuse. Aber wo sind wir überhaupt? Also zuerst mal informieren. Wir sind in Sarreguemines, nahe der deutschen Grenze. Also wahrscheinlich Elsass, und der deutsche Namen der Ortschaft ist Saargemünd. Sprechen sie hier deutsch oder französisch? Wir finden es nicht mehr heraus, denn wir treffen niemand anders.

Aber wir gehen noch entdecken. Schreiten über das kleine Schleusentor der Schleuse 27 des Canal des Houillères de la Sarre (auf deutsch: Saarkanal) und spazieren etwas dem Kanal entlang. Dabei passieren wir das Kreuzfahrtschiff Majesty of The Seas. Dieses Schiff sieht aus wie ein richtiges Kreuzfahrschiff, ist aber nur 33m lang und quasi eine grosse Miniatur. Es sieht etwas heruntergekommen aus, aber immer noch sehr eindrücklich.

Die Mini Majesty of the Seas ist im Massstab 1:8 vom ehemaligen Bergarbeiter François Zanella während elf Jahren in seinem Garten gebaut worden. Das beeindruckende Projekt wurde 2005 zu Wasser gelassen und konnte sogar auf europäischen Kanälen fahren. Heute liegt das Schiff noch immer im Hafen von Sarreguemines und gilt als faszinierendes Symbol für Leidenschaft, Ausdauer und Technikbegeisterung.

Etwas später sind wir wieder in unserem geliebten Knutschi, die Heizung an (draussen ist es nur 8 Grad) und wir frönen nun der Entspannung.

Übernachtung

Sarreguemines - Aire Camping-Car Park ****
Frankreich, Stellplatz

Koordinaten: 49.10186, 7.0770895
N 49° 6' 6.7"  E 7° 4' 37.5"
letzter Besuch: 5.2026

Vulkan-Eifel 12.5.2026

Pulvermaar, Lastahuddelhuppen und Schlitzohr-Tunnel

Die Sonne und stahlblauer Himmel weckten uns schon früh. Wir dachten, heute sei schlechtes Wetter? Na ja, es hat gerade mal 6 Grad, aber das sieht man auf den Fotos ja nicht. Wir packen zusammen, halten unsere CampingCarPark-Karte an die Schranke, diese öffnet sich wie durch ein Wunder (wir wissen nicht mal, wie viel die Nacht auf dem Stellplatz gekostet hat) und danach sind wieder on the Road.

Kurze Zeit später erreichen wir bei Saarbrücken Deutschland und fahren auf der Autobahn fast ohne Verkehr (auch das gibt es hier) durch die Eifel. Nach 150 km parken wir auf dem Stellplatz beim Pulvermaar, inmitten der Vulkaneifel. Die Landschaft entstand durch vulkanische Aktivität über Millionen Jahre hinweg. Die letzten vulkanischen Ereignisse liegen geologisch gesehen noch gar nicht so lange zurück. Die jüngsten Ausbrüche in der Eifel fanden vermutlich vor rund 10’000 bis 13’000 Jahren statt, deshalb gilt die Region nicht als „tot“, sondern als vulkanisch noch leicht aktiv. Aber keine Angst, es rumort hier nicht wirklich.

Bekannt ist die Region vor allem für die vielen Maare, also Seen in erloschenen Vulkankratern. Der grösste und tiefste ist gleich hinter den Bäumen unseres jetzigen Stellplatzes. Das Pulvermaar entstand durch eine gewaltige Wasserdampfexplosion, als Magma auf Grundwasser traf. Mit einem Durchmesser von etwas über 600 m und über 70 m Tiefe gilt es als das tiefste Maar Deutschlands.

Also schnell anziehen und zu Fuss um das Pulvermaar. Genau auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich das Lastahuddelhuppen (übersetzt: Laster-Problem-Haufen). Man muss dort einen Stein deponieren und ganz fest gedanklich mit seinem Laster verbinden, dieses laut aussprechen und schon ist man es los. Es gibt sogar eine genaue Anleitung auf der Infotafel, wie man es richtig macht. Anita probiert es aus und wir berichten, ob sie ihr Laster bis Ende Ferien weg hat. Ich kann leider nicht mittun, denn auch nach fünf Minuten intensivem Nachdenken fällt mir kein einziges Laster ein…

Wieder beim Wohnmobil erholen wir uns kurz und packen danach unsere Fahrräder. Es ist wirklich kalt, Anita findet zum Glück noch Handschuhe, und wir ziehen fast alles an, was wir dabei haben.

Der Wind pfeift uns um die Ohren, aber schon 5 km später sind wir bei der grössten Lavabombe der Eifel. Ein Stein aus kalter Lava, fast kugelrund mit 5 m Durchmesser. Allerdings ist dieser grosse Stein gar nicht die eigentliche Lavabombe, die liegt daneben und ist viel kleiner. Der grosse Stein war ein Lavabrocken, der aus der Wand des Vulkans gebrochen und den Berg hinuntergerollt ist. Während des Rollens blieben andere Lavastücke an ihm kleben und so wurde er immer grösser, bis er zum Stillstand kam und langsam erkaltete. Die wirkliche Lavabombe, die deutlich kleiner ist, wurde dagegen tatsächlich aus dem Vulkan geschleudert.

Da das Lavahaus in der Nähe am Dienstag geschlossen hat, machen wir uns trotz Kälte auf eine Velotour vorbei an anderen Maaren und sogar einem Määrchen (kleines Maar). Unsere Strecke führt dem Maare-Mosel-Radweg entlang auf der alten Bahntrasse der ehemaligen Wittlich–Daun-Bahnstrecke. Die Strecke wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und verband früher die Mosel mit der Vulkaneifel. Heute ist daraus einer der schönsten Bahntrassenradwege Deutschlands geworden.

Es ist wirklich wunderschön: keine steilen Aufstiege, keine Autos, dafür eine fantastische Landschaft. Dazwischen taucht immer wieder eine stillgelegte Haltestelle, eine alte Brücke oder auf dem höchsten Punkt das Schlitzohr-Tunnel auf. Der Tunnel ist über 500 m lang und bekam seinen lustigen Namen angeblich von den Arbeitern, die beim Bau nicht immer ganz ehrlich gearbeitet haben sollen…

Dort verlassen wir den Radweg und zweigen Richtung Totenmaar ab. Dort gibt es Geschichten über Geister, versunkene Dörfer oder Glockengeläut aus der Tiefe. Bestätigt ist davon natürlich nichts, denn in echt heisst es hier Weinfelder Maar. Direkt daneben stehen eine kleine Kapelle und ein alter Friedhof, weshalb das Maar im Volksmund den anderen Namen bekam.

Wir stellen die Velos ab und laufen nun zu Fuss zum Dronketurm. Nach der Aussicht über fast die gesamte Vulkaneifel geht es wieder zurück und wir sind heilfroh und kaputt, als wir endlich nach über 30 km wieder in das warme Knutschi können.

Übernachtung

Gillenfeld - Wohnmobilhafen Pulvermaar ****
Deutschland, Stellplatz

Koordinaten: 50.13397, 6.9311963
N 50° 8' 2.3"  E 6° 55' 52.3"
letzter Besuch: 1.2038

Tagebau Hambach 13.5.2026

27t in 10 Sekunden

Nach den gelieferten Croissant verabschieden wir uns von der freundlichen Betreuung auf dem Stellplatz beim Feriendorf Pulvermaar (wir kommen wieder einmal) und fahren weiter quer durch die Eifel. Nach 150km und einem Einkauf für die Vorräte kommen wir auf dem grossen und schönen Wanderparkplatz Hambach mitten im Wald an.

Wir laden unsere E-Bikes aus und wollen den Tagebau Hambach besichtigen, das heisst, mit dem Velo möglichst nahe an dieser riesigen Kohlegrube entlangfahren und die Aussicht auf diese Baugrube bewundern. Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, dass die Umrundung und die Besichtigung des Aussichtspunktes Haus am See ganze 52km lang ist, hätten wir es in diesem regnerischen Wetter wohl gelassen. Aber zum Glück wussten wir es nicht, denn das Erlebnis war einmalig…

Zuerst geht es durch schöne Waldwege Richtung Süd-Ost, bis wir bei der Haupteinfahrt zum Tagebau sind. Dort gibt es aber kein Weiterkommen durch das Tor, sondern etwas rechts eine breite Teerstrasse Richtung Osten. Wir sehen dann Wegweiser zum Aussichtspunkt «Haus am See». 5km später sind wir dort und besteigen die kleine Treppe nach oben.

Maschine 289 beim Kohleabbau

Es tut sich eine gewaltige Aussicht auf das immens grosse Loch auf. Wir sehen von weitem einige grosse Schaufelradbagger am Arbeiten. Die Maschine 289 ist ganz auf dem Grund und schürft Braunkohle (27 Tonnen pro 10 Sekunden!!!).

Die Kohle liegt hier zwischen 100 und 450m tief in der Erde, es muss zuerst also mal 100m tief Erde weggeschaufelt werden, bis man an das schwarze Gold kommt. Danach wird die Kohle abgebaut und in die am Grubenrand gebauten Kraftwerke geliefert, die die Kohle verbrennen, damit Wasserdampf und so Strom erzeugt werden kann. Die Kraftwerke sind die leistungsstärksten Kohlekraftwerke weltweit und verbrennen pro Stunde 1000 Tonnen Kohle, produzieren damit in dieser Zeit ein Gigawatt Strom. Einfach unglaublich!

wer findet den weissen Pickup des Baggerfahrers?

Die Reste, also Asche etc., wird für den Strassen- und Dammbau benützt, bei der Rauchgasentschwefelung entsteht Gips, der wiederum auf dem Bau gebraucht werden kann. Mehr als die Hälfte der Energie geht trotzdem als Wärme verloren, deshalb haben die Kühltürme diese riesigen Dampfwolken.

Beim Aussichtspunkt «Haus am See» könnte übrigens problemlos mit dem Wohnmobil übernachtet werden (50.8825, 6.5084), es ist total abseits vom Schuss und die Strassen dorthin auch ohne Probleme zu bewältigen.

Wir müssen mit unseren Fahrrädern aber wieder die 5km zurück und passieren zuerst Bürgewald und dann die ehemalige Ortschaft Manheim. Es ist schon krass, da werden ganze Dörfer umgesiedelt und dem Erdboden platt gemacht. In Manheim sieht man das besonders. Es stehen noch die Kirche und einige wenige bewohnte Häuser. Im Hintergrund der grosse Bagger, der immer näherkommt.

Manheim

Und jetzt mit der Energiewende wurde beschlossen, auf den Kohletagbau zu verzichten und ab 2029 wird nichts mehr gefördert. Die verlassenen Dörfer stehen jetzt da, leer, einsam und verbittert. Die Leute sind weg, die Dörfer bleiben nun. Es ist eindrücklich und irgendwie traurig.

Nach der Stilllegung werden diese immensen Löcher mit Wasser geflutet. Ab 2030 wird durch eine 45km lange Pipeline 18m3 Wasser pro Sekunden dem Rhein abgezwackt und hierher geleitet. Es dauert bis 2070 bis das Loch dann vollständig gefüllt ist und nach dem Bodensee der grösste See Deutschlands wird.

Wir fahren still weiter und kommen noch knapp vor dem Regen beim Aussichtspunkt Terra Nova 1 an. Da es nun richtig giesst, gönnen wir uns ein Schnitzel mit Pommes, und genau, als wir fertig sind, hört auch der Regen auf.

Bald am Ziel

Also fahren wir mit dem Velo weiter nun Richtung Nord-Westen, besteigen einige Aussichtspunkte und fahren durch einen Windpark, der nun grüne Energie fördert. Weil wieder der Regen näherkommt, fahren wir immer schneller und sind nach 52km total kaputt wieder bei unserem Knutschi.

Da wir nun ganz alleine auf diesem grossen Wanderparkplatz stehen, beschliessen wir, gleich hier zu bleiben und den Abend zu geniessen.

Übernachtung

Hambach - Wanderparkplatz ****
Deutschland, frei

Koordinaten: 50.91136, 6.4418741
N 50° 54' 40.9"  E 6° 26' 30.7"
letzter Besuch: 6.2026

Ruhrpott 14.5.2026

von dreckig zu den spektakulärsten Lost-Place

Auf dem sehr ruhigen und grosszügigen Waldparkplatz rege ich mich vor Mitternacht noch total auf. Fährt doch ein weisser Renault neben uns, parkiert 20 Minuten, öffnet dann die Tür, stellt einen Sack mit Abfall von McDonald’s auf den Boden, schliesst die Tür und fährt wieder weg. Wie können die drei Personen zwischen 20 und 30 Jahren so ignorant sein? Und dann heisst es später wieder, das sei von den Wohnmobilen. Selbstverständlich schmeisse ich die Tüte am Morgen in den offiziellen Abfallkübel, keine 10 m vom Fundort entfernt. Aber es gibt mir echt zu denken, wenn das die Generation ist, die zukünftig das Sagen hat. Klar, es sind nicht alle so, aber ein paar wenige reichen eben.

Egal, am Morgen sind wir erholt. Zwischendurch hat es geregnet, aber wir sind frohen Mutes und fahren zum nächsten Tagebau Garzweiler, wo wir die Aussichtsplattform Skywalk benützen, um auch in dieses enorm grosse Loch zu blicken. Der Überraschungseffekt bleibt dieses Mal aber aus, schliesslich wussten wir heute, worauf wir uns einstellen müssen. Der Tagebau Garzweiler umfasst eine Fläche von rund 48 km² und gehört zu den grössten Braunkohle-Tagebauen Deutschlands. Kurze Zeit später stehen wir noch an einem anderen Rand des Loches, bevor wir uns auf den Weg nach Duisburg machen.

Ruhrpott, wir kommen!

Im Ruhrgebiet lebten früher über 500'000 Kumpels und Bergarbeiter gleichzeitig – eine der grössten Industrieregionen Europas, und extrem dreckig dazu. Die Hochöfen färbten nachts den Himmel orange, und die Luft war voller Kohlenstaub. Heute gehört die Region zu den bekanntesten Beispielen Europas für gelungene Industriekultur. Genau das wollen wir mit eigenen Augen sehen, und dazu haben wir den Landschaftspark Duisburg-Nord ausgesucht.

Wir finden den Parkplatz und den Stellplatz problemlos, parkieren unseren Knutschi und machen uns zu Fuss über die Strasse, um mal anzuschauen, worauf wir uns eingelassen haben. Da das Wetter gerade so gut ist, wird unsere Erkundungstour richtig lang.

Wir sind begeistert! Das alte Hüttenwerk, wo früher Eisen aus Erz geschmolzen wurde, ist riesig, ein Stahlkoloss mit vielen Kaminen, Hochöfen und was weiss ich noch alles. Wenn man sich vorstellt, dass jede Leitung irgendeine Funktion hatte, es überall dampfte und zischte, unglaublich heiss und laut war… Zwischen Staubfängern, Schlackebehältern, Kühlrohren, Eisenschmelztiegeln und Kohledepots irren wir umher, staunen und geniessen die Eindrücke der inzwischen rostigen Anlage.

Der Hochofen Nr. 5 ist der höchste und bietet einen unglaublichen Rundblick über den ganzen Landschaftspark und das Ruhrgebiet. Früher herrschten in solchen Hochöfen Temperaturen von über 2000 °C.

Der grosse Gasbehälter ist heute mit 20 Mio. Litern Wasser gefüllt und die grösste Indoor-Tauchanlage Europas. Da würde man mich aber niemals überreden können, zwischen versunkenen Autos, Flugzeugwracks und einem künstlichen Riff mit Sauerstoffflaschen zu tauchen. Schon mit Schnorchel ist das für mich grenzwertig…

Wir genehmigen uns noch eine Currywurst mit Pommes, praktisch das Nationalgericht des Ruhrpotts, bevor wir wieder die 200 m zum Knutschi laufen und uns in der Wärme etwas erholen. Gerade zum richtigen Zeitpunkt, geht doch tatsächlich ein Gewitter mit Hagel über uns hinweg, als wollte es sagen: So, erholt euch jetzt endlich mal.

Jetzt gibt es nur noch eines: wir warten, bis es dunkel ist. Die Stahlhütte soll nachts irrsinnig schön beleuchtet sein. Das sieht sicher ganz toll aus.

Nachtrag: der Landschaftspark Duisburg-Nord ist wohl der coolste Park, in dem ich je gewesen bin. Wir haben nun auch die weitere Umgebung entdeckt und es ist fantastisch. Alle paar Meter gibt es etwas neues zu entdecken, das quietschende Windrad, Aussichtspunkte, verlassene und abgebaute Bahngeleise, Kräutergärten, seltene Pflanzen etc. etc. Ich empfehle jedem Wohnmobilist, hier mal einen Tag zu verbringen. Der Stellplatz und die Besichtigungen sind übrigens kostenlos.

Nachtrag 2: die Beleuchtung Nachts war eher etwas enttäuschend. Extra warten, bis es dunkel ist, muss man aus meiner Sicht nicht. Für mich wäre es effektiver gewesen, mit viel Licht die Anlage von unten zu beleuchten. Die verschiedenen Farben haben wohl einen künstlerischen Touch, aber den habe ich irgendwie nicht verstanden. Aber es war dennoch eindrücklich, im Dunklen durch die Anlage zu gehen, es hatte etwas unheimliches und spannendes...

Ruhrpott

Früher war das eine der wichtigsten Kohle- und Stahlregionen der Welt. Unter der Erde lag enorm viel Steinkohle, deshalb entstanden hier ab dem 19. Jahrhundert unzählige Zechen, Hochöfen und Stahlwerke. Millionen Menschen arbeiteten im Bergbau oder in der Industrie. Der Ruhrpott war früher bekannt für schwarze Häuserfassaden durch Kohlenstaub, rauchende Schlote überall, harte Arbeit unter Tage und extremen Zusammenhalt unter den Arbeitern

Hier zählt weniger Status oder Luxus, sondern eher, ob jemand anständig ist und mit anpackt. Man trifft sich spontan auf ein Bier, eine Currywurst oder beim Fussball. Der FC Schalke 04, Borussia Dortmund oder der MSV Duisburg sind hier Familienangelegenheiten. «Hier zählt nicht, woher du kommst. Sondern ob du ein Kumpel bist.»

Ach ja, der Schimanski kommt von hier.

Übernachtung

Duisburg - Landschaftspark Nord ***
Deutschland, Parkplatz
erlaubt, aber besser etwas rechts in den Parknieschen, man ist dort besser vor Autoposern geschützt
Koordinaten: 51.48261, 6.7858305
N 51° 28' 57.4"  E 6° 47' 9"
letzter Besuch: 5.2026

Giethoorn 15.5.2026

Wasser, Wasser, Wasser

Wir entschliessen uns heute Morgen spontan, nach Holland zu fahren. Genauer gesagt nach Giethoorn. Zum einen liegt es fast genau auf dem Weg nach Ostfriesland, unserem Ziel, zum anderen tönen die Beschreibungen ganz toll: vom «Venedig der Niederlande» bis zu «keine Strassen». Dazu können wir so die heutige Fahrstrecke etwas verkürzen.

Wir kommen einmal mehr sehr schnell vorwärts. Etwa alle zehn Minuten wechselt das Wetter von Regen zu Sonne, und das wird auch den ganzen Tag so bleiben.

In Giethoorn gibt es einen Stellplatz direkt am Hafen und einen etwas weiter südlich mit 99 Plätzen. Das Erstaunliche: Er ist fast leer, als wir schon um 12 Uhr dort ankommen.

Da wir gerade eine der wenigen sonnigen Minuten erwischen, laufen wir direkt los ins Zentrum. Allerdings ist «direkt» relativ: Wegen der vielen Kanäle müssen wir einen ziemlichen Umweg machen. Es ist schon erstaunlich, scheinbar liegen hier rund 80 % der Häuser direkt am Wasser, fast jedes mit eigenem Bootssteg oder mindestens einem Boot vor Anker. Es sieht wirklich toll aus.

im neuen Teil des Dorfes

Beim «Touristenzentrum» an der alten Strasse nach Giethoorn ist ziemlich viel los. Dort gibt es viele Bootsverleiher, und eigentlich wollen wir so ein Elektroboot mieten, mit dem man lautlos durch die Kanäle tuckern kann. Aber weil schon die nächste Regenwolke im Anflug ist, entscheiden wir uns lieber für eine geführte Bootstour für 20 €. Der Hauptgrund: Dieses Boot hat ein Dach …

Im Nachhinein die richtige Entscheidung. So werden wir auch auf Deutsch informiert, wo wir gerade durchfahren, wie Giethoorn entstanden ist und dass zum Beispiel alle Kanäle und auch der grosse See davor nur etwa einen Meter tief sind. Alles entstand durch Torfabbau. Weil die Gegend ca. 1m unter dem Meeresspiegel liegt, wurden die ehemaligen Abbaugebiete später einfach geflutet.

Touristenallee

Die Dämme an der Küste schützen die ganze Region vor Hochwasser, und bei starkem Regen werden riesige Pumpwerke eingeschaltet. Unser Kapitän erzählt stolz, dass eine der Pumpstationen pro Minute Wassermengen von zwei 50m-Schwimmbecken Richtung Meer bewegt. Die letzte grosse Überschwemmung hier gab es vor rund 200 Jahren. «Wir Holländer können das halt», meint unser Kapitän trocken.

Trotzdem stehen viele Steinhäuser und sogar die Kirche auf künstlich aufgeschüttetem Hügeln (ca. 1.10m hoch), sicher ist sicher.

Wir werden eine Stunde lang durch die Kanäle geschippert, vorbei an vielen Privathäusern, die man nur per Boot oder zu Fuss erreichen kann. Teilweise haben sogar die alten Kuhställe direkten Wasseranschluss, damit das Heu direkt per Boot angeliefert werden konnte. Auch die Müllabfuhr kommt bis heute per Boot.

Der alte Teil von Giethoorn hat über 170 Holzbrücken, und fast jede gehört zu einem Haus. Falls man hier ein Haus kaufen will, muss man es übrigens selber bewohnen, reine Ferienvermietung ist sehr stark eingeschränkt. Laut unserem Kapitän verkaufen viele ausländische Käufer ihr Haus nach ein paar Jahren wieder: dunkle, ruhige Winter und jeden Tag Touristen direkt vor der Haustür seien halt doch nicht jedermanns Sache.

Der Winter bietet allerdings ein grosses Highlight: Wenn die Kanäle zufrieren, verwandelt sich das Dorf in ein Paradies für Schlittschuhläufer. Dann kommen so viele Holländer hierher, dass teilweise schon um 10 Uhr der Zugang beschränkt werden muss.

Nach der Bootstour müssen wir natürlich alles auch noch zu Fuss erkunden. Es sieht schon ziemlich einmalig aus. Irgendwie haben wir aber auch Glück mit dem schlechten Wetter, bei Sonnenschein hätte es hier vermutlich noch viel mehr Touristen als heute.

Vor der nächsten dunklen Wolke retten wir uns gerade noch ins «Grand Café Fanfare» und bekommen problemlos einen Platz. Der niederländische Film «Fanfare» von 1958 hat das Dorf übrigens weltberühmt gemacht. Seither pilgern Touristen aus aller Welt hierher.

Auf dem Rückweg gehen wir noch einkaufen, bevor wir wieder einige Umwege machen müssen, statt einfach über den Kanal zurück zum Stellplatz zu schwimmen.

Heute darf Anita endlich mal wieder etwas Feines kochen. Bisher haben wir meistens irgendwo köstlich gegessen, aber hier sind sie auf zwei zusätzliche Touristen nicht angewiesen.

Ach ja: Nass geworden sind wir heute trotzdem etwa drei Mal. Die anderen Regengüsse konnten wir gerade noch rechtzeitig aussitzen.

Übernachtung

Giethoorn - Camper parking Bodelaeke *****
Niederlande, Stellplatz
alles super, vollautomatisch, Platz 58 ist der Schönste
Koordinaten: 52.71617, 6.0763144
N 52° 42' 58.2"  E 6° 4' 34.7"
letzter Besuch: 5.2026

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