Headbild
Marokko 2017
Du befindest dich hier: Unsere Reisen \ Reiseberichte

Reisebericht

Verschätzt 5.11.2018

Ein Marokkaner der nicht Auto fahren kann, quer durch den Markt und über die unendlichen Berge

Während wir morgens eine halbe Stunde warten, bis unser Frischwassertank wieder voll ist, fahren plötzlich zwei junge Schweizer auf dem Campingplatz. Wir tauschen auf Mundart noch ein paar Tipps aus und fahren dann doch los Richtung Süden. Wir wollen heute den Atlas überqueren und in den Süden gelangen.

Kurz nach dder Abfahrt am Fusse des Tizi-n-Tairhemt (1907müM) werden wir von der Polizei gestoppt. Ausnahmnsweise keine Kontrolle, sondern ein Militärkonvoi kommt uns entgegen und der muss in den Bergen freie Fahrt haben. 20 Minuten später sind die fünf Sattelschlepper durch und wir können endlich losbrausen. Die Strasse ist gut ausgebaut, ziemlich Verkehr, was wir gar nicht mehr gewohnt sind. Alles in allem nichts Spannendes. Da muss doch noch etwas mehr kommen, etwas Abenteuer wäre nicht schlecht. Wenn wir da gewusst hätten, dass wir heute noch allemal genug Abenteuer bekommen würden, wären wir auf der Hauptstrasse geblieben. Aber das wussten wir da noch nicht. Also kramen wir die Karte hervor und sehen dass von Rich nach Tineghir, unserem Etappenziel, auch eine kleinere Strasse über die Berge führt. Blinker lins raus und dem Wegweiser Imilchil folgen. 123km auf dieser Strasse bis zum nächsten Abzweiger, easy!

Rich - Imilchil

Nach ein paar hundert Meter kommt die Ortstafel Rich, schöne breite Strasse, ziemlich viele Leute unterwegs. Wir fahren durch das Stadttor und sind plötzlich auf einem grossen Platz voller Leute und keine Strasse mehr. Wo durch? Ich drehe unser Knutsch und fahre wieder zum Stadttor hinaus, dort studieren wir die Karte. Doch, wir müssen einfach geradeaus, aber nach dem Platz führt keine Strasse weg. 2. Versuch: wieder durch das Stadttor und dann fahre ich einfach links einem kleinen Büsschen nach und versuche, diesen Platz zu umfahren. Die Strasse wird zum Strässchen, Eselskarren, Fussgänger, parkierte Autos, entgegenkommende Lastwagen, dann wieder rechtwinklig nach rechts und zwischen all den Fussgängern sehe ich, dass es 40m weiter vorne wegen einem parkierten Auto verdammt schmal wird. Also stoppe ich und will den Gegenverkehr passieren lassen. Der jedoch signalisiert mir, dass ich fahren soll. Also dann los.

nicht immer, aber ziemlich oft

Tja, mein Augenmass hat nicht getäuscht, trotz eingeklappten Rückspiegeln komme ich nicht vorbei und der entgegenkommende Idiot von Marokkaner fährt mir auch noch entgegen. So kommen wir nie aneinander vorbei. Ich versuche wieder ein paar cm zurück zu fahren und der Marokkaner fährt sofort die gleiche Richtung wie ich. So wird das nie etwas! Ich versuche ihm durchs Fenster zu erklären, er müsse nur drei Meter retour und schon sind wir vorbei. Aber irgendwie versteht er mein arabisch nicht und macht immer das Gegenteil. Inzwischen sind wir schon zu einer gewissen Attraktion in der Menschenmenge geworden, bis dann ein junger Bursche dem hoffnungslos überforderten Autofahren erklärt, er müsse jetzt einfach zurück fahren. Nach einer gespürten Ewigkeit kommen wir dann endlich vorbei. An den schwarzen Reifenspuren auf Knutschis unterer Seitenabdeckung hat sich der Marokkaner mit der Distanz doch auch etwas verschätzt. Bei uns aber schlussendlich nichts kaputt. Aber durch sind wir noch lange nicht, treffen aber auf Könner von Autofahrer und sind dann endlich durch dieses Kaff durch.

Zuerst mal eine Pause.

Und dann fahren wir weiter, immer schön in diesem Tal neben dem Fluss in den Bergen. Die Berge werden höher, die Strasse schmaler, der Verkehr weniger, das Tal höher, die Leute ärmer. Nach einer Stunde haben wir grad knapp 40km geschafft, und wir müssen mindestens 123km bis zur nächsten Abzweigung. Die Strasse wird noch schmaler, die Löcher grösser und zahlreicher, die weggeschwemmten Strassenstücke länger, der Asphalt weniger. Nach einer weiteren Stunde haben wir wieder 30km geschafft und wieder wird eine Pause fällig.

wenn der durchkommt, wir auch!

Eine Familie mit Eltern und drei Töchtern kommen zu uns zum Wohnmobil, sie haben vorher im rotbraunen Wasser die Kleider gewaschen. Sie lachen, strecken uns die Hände entgegen und begrüssen uns. Ich frage nach Imilchil und zeige in unsere Fahrtrichtung. Die grösste Tochter nickt und dann fragt die Mutter, ob wir nicht irgendwelche Kleider zum Verschenken haben. Sie zeigen mit dem Finger auf ihre Hütte, wo sie total von der Welt abgeschnitten leben. Klar haben wir für diese Familie Kleider, denn die Sachen für die andere uns bekannte Familie konnten wir ja noch nicht verschenken. Also holt Anita drei Jacken und zwei Schokoladen und die gesamte Familie bedankt sich überschwänglich und winkt uns noch lange zu.

Auf einem Grossteil des Weges winken uns Kinder zu, einige machen auch Zeichen, wir sollen anhalten. Wir wissen, dass sie nur betteln wollen und bei uns gibt es normalerweise nichts ohne Gegenleistung. Bei einer Gruppe Kinder sehen wir, dass sie etwas verkaufen wollen. Da stoppen wir und lassen uns ihre Schätze zeigen. Sie haben Baumnüsse gesammelt und zeigen sie uns voller Stolz. Also tauschen wir Süssigkeiten für einen Sack Baumnüsse und alle sind zufrieden.

kilometerlang so

Das Wasser im Fluss fliesst uns immer noch entgegen und es sieht nirgends nach einem Passübergang aus. Inzwischen schaffen wir nur noch 20km pro Stunde und wissen, dass wir uns mit der Strecke verschätzt haben und heute Tineghir nicht mehr erreichen. Notfalls müssen wir halt in den Bergen irgendwo frei übernachten.

Aber um 16 Uhr erreichen wir dann die Passhöhe doch noch, die ersten Schneefelder links und rechts, ein zügiger Wind, aber wir haben keine Ahnung, wie hoch wir hier sind. Nach Karte sind die Bergspitzen um 3000m und viel weiter unten sind wir nicht…

zwischendurch auch so

Nach der Passhöhe sind es dann nur gerade 7km leichte Abfahrt und wir stehen an einer Strassenkreuzung: Tineghir 94km, Camping 15km. Das ist ja perfekt! Für die 15km haben wir aber gerade nochmals eine halbe Stunde und erreichen den unebenen Kiesplatz der Herberge gerade noch vor dem Eindunkeln. Aber hier können wir über Nacht campieren und werden in dieser Herberge grad noch eine Tajine essen, die wir auf 19 Uhr bestellt haben.

Ach ja, die Marokkaner wissen immer noch nicht wirklich, wie spät es ist. Manchmal ist es 18 Uhr, manchmal 19 Uhr zum gleichen Zeitpunkt. Scheint aber niemand zu merken und auch niemand zu stören.


Übernachtung

Agoudal - Kasbah Citoyenne **
Marokko, Stellplatz
vor der Unterkunft
Koordinaten: 32.01393, -5.483629
N 32° 0' 50.2"  E -5° 29' 1.1"
letzter Besuch: 11.2018

Hoch oben und tief unten 6.11.2018

Hochs und Tiefs wechseln sich auf der heutigen Etappe ab

Die Nacht war windig und ziemlich kühl (3 Grad), wir hatten etwas Mühe mit der Höhe. Das Dorf Agoudal liegt auf über 2300m Höhe und ist eines der höchstliegendsten von Marokko. Der Hotelverantwortliche sagt uns, dass sie letzten Winter etwa 1.50m Schnee hatten und ganze 20 Tage vom Rest von Marokko abgeschnitten waren. Und wenn man bedenkt, dass hier lange nicht alle Häuser auch nur einen Ofen drin haben! Ok, dafür haben sie warme Wolldecken und Teppiche, die die Menschen warm halten. Teppiche haben sie auch im Hotel, die sie verkaufen würden. Und jetzt denkt ihr sicher, dass meine Holde Kunigunde schon wieder einen Teppich gekauft hat. Wer das denkt, kennt meine Anita schon gut. Richtig, wir haben wieder einen gekauft. Allerdings nur einen dünnen, leichten, so einen, den wir schon lange gesucht haben… Aber hier am Ende der Welt, wo die Teppiche wirklich auch gemacht werden, haben wir auch nur noch 700 Dhm (70€) bezahlt, ohne Handeln ohne nichts. Stücke von einem Meteorit hätten wir auch noch kaufen können, denn so einer ist in der Gegend hier mal abgestürzt und hier im Dorf haben sie einen Metalldetektor, womit sie das sehr eisenhaltige Gestein aus dem Weltall suchen und an Touristen verkaufen. Haben wir aber nicht gekauft, aber immerhin hatten wir mal ein Stück ausserirdisches Gestein in der Hand.

Nach der Verabschiedung geht es weiter und man glaubt es kaum, das Wasser kommt uns im Flüsschen immer noch entgegen, das heisst, die Strasse steigt immer noch an. Als wir den Tizi-Tirherhouzine als Passhöhe erreichen, haben wir eine Höhe von 2706m.ü.M. und das mit unserem Knutschi!

wunderschöne Passstrasse


Die Aussicht ist fantastisch und klar, machen wir Fotos. Nach der Pause geht es dann ins Tal runter Richtung Todras-Schlucht. Die Strasse ist übrigens bedeutend besser wie gestern, aber dennoch holpert es zwischendurch ziemlich und auch die Wasserpassagen durch den Fluss werden nicht weniger. Aber es geht ganz easy.

nicht überall ist es karg auf über 2400m

In Âït-Hani sehen wir, dass hier hoch in den Bergen oben auf einem freien Feld Markt ist. Schnell stoppen wir unser Knutschi am Strassenrand, packen die Geldbörse ein und schlendern durch den Markt. Wir kaufen Gemüse für eine Tajine, Bananen, 1l Olivenöl und auch endlich marokkanische Gewürze. Mit drei Rundbroten aus einer Bäckerei etwas später bezahlen wir für diesen Einkauf umgerechnet etwa 7 Franken, und wir haben viel Gewürze gekauft!

Wir kaufen übrigens bewusst auf Märkten bei der Landbevölkerung ein, denn wir finden, so können wir diese Menschen am besten unterstützen. Auf dem gestrigen Weg und auch auf dem heutigen etwas weiter unten treffen wir ziemlich viele Kinder, die das Gefühl haben, wir würden ihnen einfach etwas verschenken. Machen wir aber aus Prinzip nicht und manchmal versuche ich denen zu erklären, wenn sie Dirham wollen, sollen sie arbeiten gehen wie ihre Väter. Ob es was nützt?

Todra-Schlucht etwas nördlich

Je näher wir zur Todra-Schlucht kommen, merken wir, dass die Kinder frecher werden. Und als dann ein so kleiner Knirps einen (kleinen Kiesel-) Stein in die Hand nimmt und anstalten macht, ihn gegen unser Wohnmobil zu werfen, ziehe ich eine Vollbremsung und steige sofort aus. Und ganz, ganz schnell ist dieser Knirps verschwunden. Der soll nicht das Gefühl bekommen, das die Touristen hier sind, um einfach Dinge zu verschenken. Als ich wieder einsteige, ruft mir sein kleiner Kollege noch «fuck you» nach, ich winke dem freundlich zu, lächle und blinzle ihm zu. Ich bin mir sicher, dass er gar nicht weiss, was er da ruft und jetzt nicht mehr sicher ist, ob er so die Touristen wirklich beleidigen kann. Das waren aber heute die zwei einzigen negativen Vorkommnisse und zeigen einfach wieder, sobald es zu viele Touristen gibt, die meinen, mit Geschenken den Menschen zu helfen, dass dies schlussendlich ein Eigengoal ist. Geschenke und Waren immer nur gegen eine geringe Gegenleistung!

Also, wir fahren nun die Todra-Schlucht von Norden her an und können sie in vollen Zügen geniessen. Schon eindrücklich, wie tief sich das Wasser durch diese Berge einen Weg gebahnt hat. Dann, kurz vor Ende der Schlucht kommt die engste Stelle und da ist dann wieder was los. Busse voll Touristen werden angekarrt, Fotos geschossen, Souvenirs gekauft. Ob diese Leute alle wissen, dass die Schlucht weiter hinten mindestens so schön ist und was sie alles verpassen? Die Busse drehen hier nämlich alle wieder um Richtung Tineghir.

dort, wo die Touristen sind

Auch wir fahren in diese Stadt hinein, wir holen zur Vorsicht Diesel (auf unserer Bergstrecken haben wir lange keine Tankstelle mehr gesehen) und holen aus einem Bankomaten auch Geld (das Bargeld ist bald alle), eingekauft haben wir in den Bergen, also kann es nach kurzer Zeit weitergehen.

Wir nehmen die R113 Richtung Süden und Alnif. Die Strasse ist viel besser wie erwartet und der Pass stellt sich als Pässchen heraus. Dafür sind plötzlich al die Herberge Camping, Hotels, die Camping anbieten, auch plötzlich verschwunden, das heisst, es gibt gar keine Herberge mehr. Und wir wollten eigentlich heute etwas früher Schluss machen.

Wir sind müde, die vielen Eindrücke der letzten Tage haben uns ziemlich zugesetzt, wie wir jetzt merken. Dann endlich, eine halbe Stunde später sehen wir an der Strasse durch jetzt Wüstengebiet eine kleine Herberge mit einem Wohnwagensymbol.

Fragen ob wir hier mit dem Campingcar übernachten können und beim Einchecken werden unsere Pässe mit dem Handy fotografiert. Das wars.

Und jetzt sitzen wir vor dem Womo, geniessen die Sonne und versuchen uns zu erholen.


Übernachtung

Anif - Kasbah Meteorites ***
Marokko, Stellplatz
schönes Hotel, ruhiger Platz
Koordinaten: 31.02802, -5.266221
N 31° 1' 40.9"  E -5° 15' 58.4"
letzter Besuch: 11.2018

Wohnmobilfahrer grüssen eben doch 7.11.2018

Wir sind heute wieder unter Wohnmobilisten und können sogar Dialekt sprechen

Bisher haben wir auf unserer Reise insgesamt 0 (null) Wohnmobilen begegnet, waren quasi ganz exklusiv unterwegs. Das änderte sich heute rapide und total. Morgens früh bekommen wir von Jacques und Lili ein Email, dass sie heute Zagora passieren, ob wir auch diese Richtung einschlagen. Ja, schlagen wir ein, so gegen zweite Hälfte Nachmittag werden wir in Zagora sein. Vielleicht treffen wir uns ja dort irgendwo.

Dann fahren wir los, die Landschaft wird wüstenähnlich, irgendwann sehen wir auch die ersten Sanddünen. Die Schlaglöcher werden weniger, die Strecken gerader und zum Teil wirklich bis zum Horizont schnurgerade. Und dann der grosse Moment: das erste Wohnmobil auf dieser Reise kommt uns entgegen. Grüssen alleine reicht nicht, da wird auch mit dem Licht gehupt und zum Fenster raus gewinkt, und keine Stunde später ein zweites entgegenkommendes. Genau das gleiche Szenario. Wer behauptet denn, Wohnmobilisten grüssen nicht mehr? Wir haben eine Erfolgsquote von 100%.

bis zum Horizont

Dann kommen wir in Zagora an, gehen noch schnell einkaufen, wir brauchen vor allem Wasser endlich wieder mal mit etwas Kohlensäure. Wir kaufen auch noch zwei farbige Tücher für den Turban von Anita und auch endlich ein kleines Teekännchen, aber KEINEN Teppich! Ist doch eine gewalts Leistung. Und während wir am Einkaufen sind, fährt draussen ein Luxembourgisches Womo mit coolem Design vor. Man findet sich in dieser Gegend also auch ohne SMS, Whatsapp und was weiss ich noch alles. Wir verabreden uns am Fluss unten und keine 20 Minuten später sitzen wir in einem Womo und tauschen unsere Marokko-erfahrungen aus. Sie haben auf ihrem Fiat Ducato 4x4 Reifen drauf, sieht das cool aus! «Ich will auch haben» denke ich zu mir, ist aber leider für unser Womo nicht möglich. Grrrr, warum haben andere coolere Sachen wie wir?

wir trefen Lilly und Jaq


Aber egal, es war eine schöne Stunde bis wir uns verabschieden und wieder jeder seines Weges zieht. Wir fahren aber nicht mehr lange und schwenken auf einen Campingplatz hier in Zagora ab. Diesen haben wir schon letztes Jahr angefangen und wissen, dass es einfach schön grün hier ist.

Wie alte Kenner fahren wir auf den Platz, fahren dabei einem sehr coole, dreiachsigen alten und schönen Truck-Wohnmobil mit Nummernschild BL 2 vorbei? Schweizer? Kaum stoppen wir, werden wir von deutschen Fotografen schon mit Namen begrüsst und keine 5 Minuten später sitzen wir mit Klaus und Oktavia zusammen. Wieder fünf Minuten später kommen auch Moritz und Maya aus ihrem Truck zu uns und wir können nun sogar Dialekt reden. Also, von allen Wohnmobilisten, die wir auf dieser Reise gesehen haben, haben zwei überschwenglich gegrüsst und mit den andern drei sitzen wir zusammen. Erfolgsquote über 100% würde ich mal sagen.

Mokama

Moritz erklärt mir noch seinen, in drei Jahren selber restaurierten und umgebauten Unic. eine Wahnsinnsmaschiene! Unbedingt anschauen: mokama.ch

Und jetzt sitzen wir vollgegessen, von einer selber gemachten, sensationell guten Tajine vor dem Womo, geniessen noch immer die ralative Wärme von 18 Grad und schreibe den Blog.

Was will man mehr?

unser Abendessen wird zubereitet

Übernachtung

Zagora - Camping palmeraie d amezrou ****
Marokko, Camping
relativ neu, gute Infrastruktur
Koordinaten: 30.31398, -5.830581
N 30° 18' 50.3"  E -5° 49' 50.1"
letzter Besuch: 11.2017

In der Sahara angekommen 8.11.2018

Wir sind am Rande der Sahara und ich gehe zweimal in die Luft

Wir verabschieden uns von Zagora und haben noch 95km apshaltierte Strasse, bevor auch dieses letzte Stück definitiv endet. Nach 20km stoppen wir aber zum ersten Mal, von Moritz bekamen wir gestern den Tipp, dass es in Tamegroute eine Bibliothek und eine Töpferei haben muss. Also stellen wir den Blinker und werden schon von einem freundlichen Berber in den Parkplatz gewiesen.

Er begrüsst uns höflich und bietet sich für eine Führung in die Bibliothek an. Natürlich jetzt aus Höflichkeit und später will er dann etwas Geld, aber das wissen wir ja.

Er führt uns direkt zur Moschee und der Bibliothek, dazwischen erklärt er uns, das Tamegroute auch eine Universitätsstadt ist und dass die angehenden Imame insgesamt fünf Jahre studieren müssen, davon ein Jahr hier. Momentan seine etwa 80 Studenten hier. Tamegroute ist seit dem 11 Jahrhundert eines der wichtigsten religiösen Zentren und seit 1640 mit einer religösen Schule ausgestattet. Seit dieser Zeit wurde die Führung der Schule immer vom Vater zum Sohn ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart übertragen.

vor dem religiösen Zentrum

Die Bibliothek mit Büchern aus dem 11. Jahrhundert ist sehr eindrücklich, über Medizin, Natur, Religion und Naturwissenschaften gibt es insgesamt über 4200 handgeschriebene Bücher, zum Teil auf Gazellenhaut geschrieben. Die Bibliothek wird von einem Professor erklärt, der danach die hole Hand hinhält, 20 Dhm kann er mir entlocken.

Danach geht die Führung durch die Kasbah weiter, und diese ist schöner und für uns noch beeindruckender wie die von Midelt. Die Gebäude sind alle dreistöckig, zusammengebaut und die Wege führen unter den Mauern durch Gänge im dunkeln hindurch. Und bei allen Gängen zweigen Türen ab in Wohnungen. Das sei extra so gemacht, denn so bleibe es auch im Sommer in den Wohnungen nur zwischen 30 – 34 Grad und das sei die perfekte Temperatur für Berber. Ausserhalb kann es dann schon mal 50 – 60 Grad heiss werden…

Nach der Kasbah kommen wir zur Töpferei, und das ist nun wirklich der Hammer! Hier wird von A-Z alles hergestellt, zuerst wird nach Lehm gegraben, danach verarbeitet und geschmeidig gemacht, dann geformt, gebrannt, verziert und wieder gebrannt. Das muss man echt gesehen haben und hat uns wirklich beeindruckt.

Die Töpferei mit den Öfen

Als Entwicklungshilfe haben die Deutschen in der Stadt zwei Gasöfen für diese Töpferei aufgestellt und auch eine kleiner Generator für Strom. Unser Führer sagt aber, dass dies für die Katze gewesen ist, denn im Wüstenklima haben diese Öfen und Generatoren nicht lange überlebt und man hat schnell wieder zur alten herkömmlichen Methode gewechselt. Die Gasöfen und Generatoren stehen noch immer hier...

In diesen Steinöfen wird Palmenholz verbrannt und die sind so konstruiert, dass sie bis 1200 Grad heiss werden können, perfekt für die Keramikarbeiten. Und je nach Temperatur und Zusatzstoffen werden hier Arbeiten im ganzen Spektrum des Farbschemas hergestellt. Echt eindrücklich und alles nur mit Naturprodukten aus der Wüste. Wir können uns vom Treiben in dieser Freilufttöpferei fast nicht satt sehen und kaufen uns dann zwei schön verzierte Tajinen (mit gelber Farbe aus Safran).

Nachdem wir diese im Womo verstaut haben, will uns der Einheimische unbedingt nochmals in ein Geschäft mit Berberwaren zerren. Schlussendlich gebe ich etwas angesäuert nach und wir laufen wieder in so einen Teppich-Schmuckladen, schon zig-Mal gesehen. Und wieder werden wir fast zum Pfefferminz-Tee gezwungen. Ich bin schon etwas mehr angesäuert und erkläre dann, dass wir nichts kaufen werden, weil wir diese Dinge schon haben und nicht in jedem Geschäft etwas kaufen können. So reich sind wir nun auch wieder nicht. Immerhin gibt es damit keine Probleme und wir können uns in Freundschaft verabschieden.

Beim Womo hält dann der Parkplatzaufpasser die hole Hand hin, ich drücke im 5 Dhm hinein, bin wieder angesäuert und dann will ich unserem Fremdenführer 50 Dhm geben. Das ist ihm aber zu wenig, eine solche Führung sei 100Dhm wert. Ich gehe innerlich in die Luft, explodiere fast und bin eigentlich stinkesauer. Ist wahrscheinlich nicht mein bester Tag heute. Ich drücke ihm hässig eine 100er Note in die Hand, steige in unser Womo und zerplatze fast, als sich meine Holde noch freundlich verabschiedet. «Steig ein, wir fahren» ist noch das einzige, was ich sagen kann und schwöre mir, dass wir nirgends, aber gar nirgends mehr anhalten, bis wir auf dem Campingplatz sind.

Anita versucht mich dann zu beruhigen, dass wir schon für unnützere Dinge Geld ausgegeben haben und die Führung wirklich toll war. Natürlich hat sie recht, aber ich bin immer noch sauer, stinke sauer…

Als wir dann die letzte Bergkuppe vor der Wüste passieren und uns ein grosses, gelbe Schild in der Wüste begrüsst, bin ich schon lange wieder beruhigt und freue mich wie ein kleines Kind, bis wir endlich auf dem Campingplatz ankommen.

Begrüssungschild

wir kommen in die Wüste

Wir erreichen M’hamid, das letzte Dorf vor der Sahara, fahren ganz hindurch bis die Asphaltstrasse aufhört und noch 400m weiter bis zum allerletzten Campingplatz vor der Sahara. Was für eine Ruhe, was für eine Aussicht! Wir werden von Kalifa wie alte Freunde begrüsst, schenken ihm eine selbergemachte Engadiner Nusstorte und geniessen ab jetzt einfach nur die Ruhe! Keiner, der uns was verkaufen will, einfach nichts und wieder nichts!

Das Thermometer zeigt 29 Grad an, keine Wolke am Himmel, rundherum nur Sand. Der perfekte Zeitpunkt, endlich unser gekaufter Teppich vor dem Womo auszubreiten und ein Tässchen Tee darauf zu trinken. Und dann passiert es, als Anita per Zufall das Wort Salamaleikum ausspricht, beginnt der Teppich plötzlich langsam in die Höhe zu schweben! Zuerst 20cm, dann 40 und schlussendlich schweben wir etwa 1m über dem Sandboden vor unserem Womo! Dieser Teppich ist sein Geld wirklich wert und der Verkäufer hat uns nicht zu viel versprochen. Ich gehe nun heute zum zweiten Male in die Luft, einfach genial. Leider wissen wir die anderen Befehle nicht mehr und so landen wir ein paar Minuten später wieder sicher auf dem Boden.

Später machen wir noch unser Abendessen, was denn sonst ausser einer feinen Tajine?


Übernachtung

Mhamid - La Boussoule ***
Marokko, Stellplatz
letzter Platz vor der Sahara, rundum nur noch Wüste
Koordinaten: 29.82855, -5.732619
N 29° 49' 42.8"  E -5° 43' 57.4"
letzter Besuch: 11.2017

Wüstenspaziergang 9.11.2018

Wir machen einen Wüstenspaziergang und hören Geschichten und Berberlatain über die Sahara an

Wir schlafen aus, geniessen die Ruhe und die Wüste. Wie schon fast Tradition finden wir morgens vor unserer Womotüre zwei frische, einheimische Fladenbrote. So frühstücken wir schon an der Sonne draussen, mit weichen Eiern, frischem Brot, heissen Kaffee und einheimischer Konfitüre und Honig. Wie kann das Leben schön sein.

Danach arbeite ich noch meine wichtigsten Pendenzen ab und Anita liesst in ihrem Buch. Selbstverständlich beantworte ich noch Mails und Kommentare zu unserem fliegenden Teppich von gestern. Wenn ihr wüsstet, dass diese Geschichte stimmt…

Gegen Mittag haben wir dann schon wieder fast 30 Grad und wunderschönes Wetter. Wir ziehen uns marokkanisch an, schnappen unsere Fotoapparate und ziehen mit den Dromedaren für einen Spaziergang in die Wüste. Khalifa gibt uns noch den Tipp, etwas Wasser mitzunehmen, den wir aber gekonnt ignorieren. Wir wollen ja keine Wanderung sondern nur ein Spaziergang machen.

wir ziehen in die Wüste

Aber es ist so wunderschön und die Dromedare trotten davon, wir hinterher. Bald ist die Zeit vergessen, schöne Fotos im Kasten und die Sonne brennt unser Hirn weg.

noch guter Laune

Die Dromedare trotten etwas langsamer und wir schauen uns plötzlich um, wo ist denn unser Campingplatz? Und die Sonne brennt!

Wir irren umher, von einer Düne zur nächsten, wissen nicht mehr, in welcher Richtung Timbuktu liegt und wo der Campingplatz. Und die Sonne brennt. Hätten wir nur Wasser mitgenommen. Wir sehen in der Ferne eine Fata Morgana von Sindbad, dem Seefahrer, oder sind es Halluzinationen? Wir schleppen uns mühsam durch den Sand, unsere Dromedare trotten noch viel langsamer und dann verdurstet eines nach dem andern.

das erste Dromedar verdurstet

Es sieht für uns schlecht aus, ob wir der Wüste jemals wieder entrinnen können? Hin und wieder sehen wir eine giftige Schlange und zweimal können wir mit Glück einem Skorpion ausweichen. Die ersten Geier kreisen weit oben am Himmel, wo die Sonne erbarmungslos auf uns niederbrennt.

kurz vor dem Ende

Dann endlich, weit in der Ferne sehen wir eine Palme von unserem Campingplatz. Wir sind gerettet, schleppen uns mit letzter Kraft den Hügel hinauf und fallen knapp verdurstet in die Kissen am Schatten. Khalifa macht uns einen Minztee mit viel Zucker, so dass wir wieder auf die Beine kommen.

Wir entschuldigen uns für die verdursteten Dromedare und nehmen sein Angebot an, dass seine Mutter uns für heute Abend ein feines Couscous macht. Bis es dann soweit ist, geniessen wir die Sonne, erholen uns von den Strapazen, hören von Khalifa Geschichten und Berberlatain an und sind einfach glücklich.

Nun sitzen wir immer noch draussen, essen vom feinen Couscous mit Poulet, die nackten Füsse im warmen Sand und geniessen den tollen Sonnenuntergang.

Übernachtung

Mhamid - La Boussoule ***
Marokko, Stellplatz
letzter Platz vor der Sahara, rundum nur noch Wüste
Koordinaten: 29.82855, -5.732619
N 29° 49' 42.8"  E -5° 43' 57.4"
letzter Besuch: 11.2017

Reisestrecken

unseres Reisestrecke