Die letzten Kilometer waren aber weitaus härter wie ich je gedacht hätte, von wegen locker Konvoi fahren
Wir erwachen am Hafen von Honningsvag gegen sieben Uhr und das erste natürlich den Strassenzustandskarte aufrufen. Übrigens die wichtigste Webseite, wenn man im Winter mit dem Wohnmobil ans Nordkap will: vegvesen.no immer topaktuell. Also rufe ich diese Seite auf und sehe, dass die Strasse ans Nordkap in der Nacht geräumt wurde, der erste Konvoi fährt um 11 Uhr von der Kreuzung weg. So cool, wir werden es also tatsächlich schaffen und da diese Kreuzung nur 17km von Honningsvag weg ist und wir die Schneeketten schon drauf haben, müssen wir uns überhaupt nicht beeilen. Heute bekommt meine Holde ihren Morgenkaffee und auch das Frühstück ans Bett serviert. Während wir uns bereit machen, kommt noch ein französischsprechender Landsmann zu uns und fragt uns über das Nordkapp aus. Er will unbedingt da hoch und heute ist seine letzte Gelegenheit. Ich empfehle ihm aber, dass er die Schneeketten hier montieren soll. Nicht nötig, wir sind schon vier Wochen durch ganz Norwegen gefahren und hatten sie noch nie gebraucht. Na gut, wenn er meint.
Wir fahren dann um 9 Uhr los, es schneit und ich will nicht zu spät kommen. Mehr wie 40 km/h können wir nirgends fahren und die Steigung schaffen wir fast problemlos. Die Strasse hat viel mehr Schnee wie gestern und die Sicht ist nicht wirklich gut.
An der Schranke sind wir dann die ersten und müssen noch eine Stunde warten. 10:45 Uhr kreuzt dann der Romand mit bachnassem Gesicht aus, holt ohne zu zögern seine Schneeketten und fragt mich, ob ich nicht helfen könne. Er habe sie erst einmal zur Übung montiert. Seine Frau flucht wie ein Rohrspatz auf ihn ein und sagt, dass er doch viel besser auf mich hören sollte und die Schneeketten schon in Honningsvag montieren hätte sollen. Anscheinend sind sie zweimal mit ihrem Büssli in einer Schneemade gelandet und nur ganz knapp den Berg hoch gekommen.
Danach wird der Konvoi eingeteilt, zuerst der Schneepflug, dann vier Autos vom Personal, ein Tourist, der Romand und wir dann hinten. Hinter uns dann noch das Kontrollfahrzeug. Ich muss zuhinterst fahren, weil der Schneepflugfahrer sagt, dass es sein könnte, dass ich trotz Schneekette nicht hochkomme und so die Kolonne nicht aufhalte. Das gibt mir ja schon mal richtig Moral. Das kann doch nicht so schwer sein!!!
Zwischen VW und Schneepflug fahren nochmals vier Autos
Als die Schranke sich öffnet, legt der Schneepflugfahrer einen Blitzstart hin, die vom Personal auch und wir Touristen versuchen irgendwie mitzuhalten. Die Fahrzeuge vor einem wirbeln so viel Schnee auf, dass man von der wenigen Sicht nun gar nichts mehr sieht. Die Strasse ist zwar freigefräst, aber vom Wind hat es so starke Schneeverwehungen, dass man zum Teil nichts mehr von den Räumarbeiten sieht. Und echt, der Schneepflug pflügt nicht gerade breit, nur das nötigste.
Ich bin echt angespannt und es heisst nun, nur nicht in den Tiefschnee zu gelangen und sich zu blamieren. Die Steigungen und das Eis ist kein Problem, aber die Sicht und das in der Spur bleiben, ist happig. Der ganze Konvoi erreicht nach 13km Fahrt wohlbehalten das Nordkap, aber es war bis jetzt meine anstrengendste Fahrt in meiner Womokarriere. Umso stolzer sind wir, dass wir es geschafft haben!
Wir sind nun 6 Touristen auf dem Nordkap und haben alles ganz alleine. Es kommt sogar einer vom Personal und entschuldigt sich, dass die Hallen und das Restaurant erst in einer Stunde öffnet, sie müssen noch den Eingang freischaufeln.
Wir sind seit 9 Tagen die ersten Touristen, die es bis hierhin geschafft haben! Und wir sind die allerersten, die das Foto vor der Weltkugel machen!
Die Stimmung ist mythisch und wir saugen alles in uns auf. Und als der Eingang dann freigeschaufelt ist (mit einem Trax) sind wir endlich in der Halle und können unsere Nordkapp-Besucherurkunde abstempeln lassen. Jetzt haben wir schon zwei Besuche hier und die Mitgliedschaft im Royal North Cap Club hat sich schon gelohnt. Als Mitglieder haben wir lebenslang kostenlosen Zutritt. Und bei fünf Besuchen bekommen wir eine Goldkarte! Es fehlen noch drei Besuche und was man mit der Goldkarte dann für Vorteile hat, weiss ich auch noch nicht…
Es ist fantastisch, und wir haben den nördlichsten Punkt tatsächlich im Winter erreicht!
90 Minuten nach unserer Ankunft kommen dann etwa sechs Busse mit Touristen vom Hurtigruten-Schiff und dann ist fertig mit Ruhe...
Für die noch abenteuerliche Rückfahrt folgt der Bericht in etwa zwei Stunden, jetzt müssen wir zuerst essen und die Fotos begutachten.
Bei schlechten Verhältnissen ist es in Norwegen üblich, in ganzen Konvois zu fahren.
Auf dem Bild der Webcam vom Nordkap 11:45 Uhr sieht man alle 6 Touristen der vergangenen neun Tage auf einen Blick, und zwei davon sind wir (blaue und weisse Jacke). Aber schon kurze Zeit später kamen die Busse mit den Touristen vom Hurtigruten-Schiff und es war fertig mit der Ruhe.
Um 13:45 Uhr war dann die Abfahrtzeit des Konvois zurück. Zuerst die sieben Busse mit den Schiffstouristen, dann ein norwegischer Kleinbus, wir (wir durften jetzt weiter vorne fahren, da der Schneepflugfahrer nun glaubte, dass wir nicht stecken bleiben) und hinter uns drei Porsches und zwei Jeeps einer Finnland-Nordkap-Ralley (ich staunte nicht schlecht, dass es die Porsches bis hierhin geschafft hatten). Ganz zuhinterst wieder das Kontrollfahrzeug.
Da es inzwischen ziemlich heftig zu schneien begann, war die Strasse und die Sicht noch schlechter wie beim Hinweg. Und auch beim Rückweg legte der Schneepflug ein Blitzstart hin, die Busse sofort hinterher und der Kleinbuss auch. Ich wusste nun, dass das wichtigste ein nicht zu grosser Abstand zum Vordermann ist und darum klemmte ich mich mit etwa 50m Abstand an den Kleinbus. Ich musste echt voll Gutzi geben, damit ich den Abstand halten konnte. Da der Vordermann das Licht an hatte, war das für mich perfekt und ich konnte so sehen, wohin die roten Rücklichter jeweils fuhren. Mit dem 50m Abstand konnte ich auch genau seine Spurrinne halten und hatte es da ziemlich gut im Griff. Es gab zwei drei heikle Stellen, wo trotz des voraussfahrendem Schneepflug richtig Triebschnee auf der Strasse war. Im Rückspiegel sah ich auch, dass der hinter mir fahrenden Porsche einen ziemlich grossen Abstand hatte (ca. 100m) was bei diesem Wetter eindeutig zu viel ist. Da alles weiss war, konnte er mit diesem Abstand nicht genau meinen Rücklichtern folgen und blieb dann im Triebschnee stecken. Ich konnte mir ein Lächeln auf den Stockzähnen nicht verkneifen, unser Womo hängt einen Porsche ab. Wir haben die hinter uns den Rest des Tages nie mehr gesehen….
Als wir die breite Strasse endlich erreichten, musste der Schneepflug wenden und die Porschefahrer retten. Die Hurtigrutenbusse blochten dann unverändert weiter, der Kleinbuss vor uns auch und ich konnte endlich mit meinen Schneeketten ein angemessenes Tempo von 40 km/h fahren.
Der Schneefall wurde immer heftiger und die Sicht noch schlechter. An irgend einem Punkt sahen wir weder die roten Stangen am Strassenrand noch sonst irgend etwas.Alles nur weiss. Wir mussten aussteigen und nach den nächsten roten Strassenmarkierungen Ausschau halten, denn wir wussten nicht mehr, ob wir nun quer oder längs in der Strasse standen. Es war echt grenzwertig, oder besser gesagt, schon etwas darüber. Ich weiss nicht wie, aber wir erreichten Honningsvag doch noch und irgendwie wussten wir, wir müssen jetzt einfach so schnell wie möglich weiter, denn diese Strasse wird sicher geschlossen und wir sitzen dann fest. 300m vor dem Honningsvagtunnel demontieren wir dann die Schneeketten, damit wir besser durch den Tunnel kommen und fahren wie auf Eiern Richtung Nordkaptunnel. Da müssen wir einfach durch, sonst sitzen wir hier eventuell einige Tage fest.
ein Schneesturm nähert sich Honningsvag
Und dann der Schock: Die Schranke beim Tunnel ist schon unten und wir das dritte Auto, das nun festsitzt. Das kann doch nicht sein! Ich montiere meine neue echt warme Nordkappjacke und steige aus, die Situation checken. Der Tunnel ist seit zwei Stunden geschlossen aber in 20 Minuten startet hier der erste Konvoi durch den Tunnel und ca. 30km weiter, bis die Verhältnisse etwas besser werden. Aufatmen, da hatten wir also noch Glück.
Nun haben wir ja schon Routine mit Konvoi fahren und wissen wie das abläuft. Ein Kontrollfahrzeug checkt jedes mitfahrende Fahrzeug ab, fragt, wie viele Personen mitreisen und weist einen Platz im Konvoi zu. Vorne die schweren Lastwagen, dann die Busse inklusive wir, hinten die PKW’s, zuhinterst das Kontrollfahrzeug, ganz vorne der Schneepflug. Und auf den Blitzstart des Schneepfluges sind wir nun vorbereitet. Allerdings schwitze ich Blut, ob wir mit unseren Reifen ohne Spikes überhaupt vom Platz wegkommen. Alles geht glimpflich und wir sind wieder 50m hinter unserem Vordermann. Aber echt jetzt, wir rasen bei misslichen Sichtverhältnissen, schneebedeckter und vereister Fahrbahn zwischen 70 und 80km/h durch die Gegend! Mir ist nicht mehr ganz wohl dabei und Anita ist kreidebleich. Das einzig Gute daran: es kommt mit Sicherheit kein Gegenverkehr und man kann die besten Seiten der Strasse ausnützen. Und wir kommen schneller voran, wie wenn wir frei fahren könnten.
Wir sind wirklich froh, hat das Ganze nach 50km ein Ende und der Schneepflug fährt in eine Haltebucht. Vorne die LKW’s werden auch etwas langsamer (oha, denen ging es wohl auch etwas zu schnell) aber sonst ändert sich nichts, der ganze Konvoi fährt einfach so weiter, Einerkolonne schön aufgereiht, durch eine nicht sichtbare Winterlandschaft.
Nach 80km Konvoi am Stück bin ich nudelfertig und schwenke bei der ersten möglichen Kreuzung nach Alta/Hammerfest ab. Jetzt einfach mal durschnaufen und ganz gemütlich und sicher weiterfahren. Nach weiteren 40km sind wir bei der Brücke von Kvalsund, wo es irgendwo einen Platz zum Schlafen haben soll.
Wir finden einen Parkplatz mit Sicht auf die Brücke, parken unser Knutschi, tätscheln es für die guten Dienste heute und sind einfach glücklich, was wir erleben durften und das nichts passiert ist.
Wir öffnen nur noch eine Fertigbüchse Chilli con Carne (das heisst, wir wollen sie öffnen, wissen aber nicht mehr, wie dieser scheiss Büchsenöffner funktioniert und ich fast die Nerven verliere, bis wir merken, dass die Büchse unten (oder oben, wenn man sie nicht verkehrt herum hält) einen Schnellöffnungsmechanismus hat) und schmeissen den Inhalt in die Pfanne…
Wir werden Mitglied im Eisbärenclub, besichtigen danach die Nordlichtkathedrale und sind endlich wieder mal sauber.
Es scheint, dass wir momentan richtig Wetterglück haben, denn obwohl die Prognosen Schnee hatte, scheint schon morgens die Sonne und über Nacht gab es etwa 10cm Neuschnee. Die Landschaft sieht also schon wieder top aus, auch wenn wir hier das Gefühl haben, der Schnee wird hier oben einfach nicht dreckig und bleibt weisser wie Meister Propper wäscht.
Heute wollen wir nicht so viel fahren und haben da eben noch Zeit einen Abstecher nach Hammerfest zu machen. Mit der nördlichsten Stadt der Welt haben wir noch eine Rechnung offen. Auf unserer letzten Skandinavien Reise schrieben wir in unserem Blog, dass sich diese Stadt nicht lohnt und man sie getrost auslassen kann. Stimmt das wirklich? Das müssen wir herausfinden und fahren darum direkt in die Stadt, die in Europa als erstes elektrifiziert wurde.
Es ist schon nicht eine wirkliche Schönheit aber mit dem weissen Schnee, dem dunklen Meer und dem farbigen Hafen sieht es doch auch echt toll aus. Wir fahren durch die ganze Stadt bis ans Ende, denn dort befindet sich die Meridiansäule, die an die Weltvermessung erinnert. Und ich als gelernter Vermesser muss die einfach nochmals sehen, auch wenn es nun schon zum zweiten Mal ist. Einfach eindrücklich, mit welchen Mitteln dazumal die Welt genau vermessen wurde.
zum zweiten Mal an der Meridiansäule
Nach diesem Besuch (extra für mich, Anita interessiert sich überhaupt nicht für solche technischen Dinge, Zahlen und Berechnungen) besuchen wir noch den Eisbärenclub von Hammerfest. Das spricht ihr viel eher zu, schliesslich begleitet uns seit dem Matratzenkauf in Deutschland (wir schlafen übrigens herrgöttlich gut) unser kleiner Eisbär auf der Reise und wir sprechen auch täglich mit ihm ;-), diesem Lümmel…
Das kleine Eisbärenmuseum ist herzig gemacht und alle Beschreibungen sind auch auf Deutsch. Es ist interessant zu lesen, wie die Robbenschiffe und Polarexpeditionen hier in Hammerfest starteten und wie wenige schlussendlich zurückkamen. Wir melden unser Knutschi als Mitglied des weltweit einzigen königlichen Eisbärenklub an, Nr. 264‘726. So werden wir jeden Januar an die Generalversammlung nach Hammerfest eingeladen. Wir nehmen uns fest vor, die irgendwann einmal wirklich zu besuchen. Elvis Presley wurde übrigens als Mitglied abgelehnt, da er nie persönlich in Hammerfest erschien, im Gegensatz zur gesamten königlichen Familie Norwegens, die alle Mitglied sind und den Antrag hier in Hammerfest ausfüllten.
Und es hat übrigens nur gerade 200m vom Museum ein Stellplatz für Womos direkt am Meer, der auch im Winter geräumt ist und Stromsäulen besitzt. Dieses Mal also der Tipp, Hammerfest doch zu besuchen, mindestens im Winter.
Danach fahren wir zurück nach Skaidi, biegen dort Richtung Alta ab und durchfahren die für uns faszinierende Hochebene zwischen Skaidi und Alta, deren Namen wir jetzt nach der dritten Durchfahrt immer noch nicht wissen. (Danke Walter, diese Hochebene heisst Sennalandet)
In Alta stoppen wir dann bei der Nordlichtkathedrale und finden endlich Zeit, diese in Ruhe zu besichtigen. Es ist eindrücklich, besinnlich und sehr schön gemacht, modern und doch irgendwie feierlich. Eintritt müssen wir übrigens keines bezahlen, das Kassensystem ist momentan ausser Betrieb.
Wir wollten eigentlich auf dem grossen Parkplatz übernachten, aber morgen finden hier die Norwegischen Langlaufmeisterschaften mit all den Olympiastars statt und die Strecke führt direkt an der Kathedrale vorbei und den Einkaufsboulevard quer durch die Stadt runter. Und heute Abend ist die Eröffnungszeremonie auf dem Parkplatz, da ist es glaub besser, wir fahren mit unserem Knutschi aus dem Weg. Wir hätten die Langlaufskis ja dabei, aber wir können uns trotzdem nicht mehr zum Start melden, wir sind keine Norweger. Die haben wohl Angst vor uns…
Loipe quer durch die Flaniermeile zur Kathedrale
Dafür machen wir einen Einkaufsbummel durch diesen Boulevard (ich notiere das hier extra, das jeder Leser Zeuge ist, dass ich mit Anita shoppen ging…).
Danach finde ich im Internet 5km weiter einen Campingplatz, der auch im Winter offen hat. Wir checken ein und geniessen danach noch den ersten warmen Frühlingstag mit sagenhaften +5 Grad an der Sonne vor unserem Womo. Leider wird das gemeinsame Foto nichts, denn die 10Sek Selbstauslöser reichen einfach nicht, dass ich mich auch auf den Stuhl setzen kann. Und als es Anita besser machen will, ist sie nicht mal auf dem Foto…. (trotz ihren neuen Schuhspikes).
zu spät, die 10 Sekunden Selbstauslöser reichten auch beim 4. Versuch nicht
Und wir benützen hier auf dem Camping gleich noch die kostenlose Kleiderwaschmöglichkeiten, denn meine Socken stinken schon arg heftig…
Und nun habe ich noch einen Auftrag von Anita: ich soll endlich mal unseren Lesern danken, die uns stetig im Web folgen, uns Tipps und Anregungen geben und auch Mut zusprechen. Das ist echt Klasse von euch, echt wahr! Wir haben so immer das Gefühl, dass wir nicht alleine reisen und so gar nix schief gehen kann. Danke euch allen! Wir lesen alle Kommentare, Anita ist plötzlich ganz vergiftet darauf und so kenne ich sie gar nicht. Ihr ist es sonst schnuppe, was andere von uns denken…
Die Lawine verzögert unsere Fahrt, dafür geht endlich der Kühlschrank wieder und wir stehen irgendwo im Niemandsland, da wir es nicht nach Karasjok schaffen.
Wir wollen heute nur 200km weiter wieder ins Zentrum von Lappland, nämlich nach Karasjok. Also haben wir es nicht eilig und ich kann morgens mit dem schnellen Internet des Campingplatzes noch ein paar dringende berufliche Arbeiten erledigen. Wir (ich) wollten um 12 Uhr weg aber es wird dann doch wieder nach 13 Uhr, bis wir frisches Wasser voll haben, etc etc etc.
Zuerst ein paar Kilometer zurück, die letzte Gelegenheit noch nützen, um LPG zu tanken. In Finnland kennen sie keine solchen Tankstellen und die nächste kommt erst nach der Fähre von Helsinki in Estland. Der Gasverbrauch wird also unser Reisetempo bestimmen. Allerdings hat uns der Abstecher von Alta ans Nordkap und zurück gerade mal 17l LPG gekostet. Für das dass wir immer ohne Strom geheizt haben, viel weniger wie erwartet. Wir können also in etwa 8- 10 Tagen Finnland ohne Landstrom durchqueren und ohne frieren zu müssen. Mehr Zeit also, wie ursprünglich geplant.
ein Rentier sucht unter dem Schnee etwas essbares
Ganz in der Nähe der LPG-Station sehen wir noch ein Wohnmobilhändler, also machen wir auch dort halt. Unser Kühlschrank kühlt auf Gas schon seit der Abfahrt zu Hause nicht wirklich, egal was wir gemacht haben, es war im Kühlschrank jeweils der wärmste Ort. Bei kalten Temperaturen ja nie ein Problem, die Lebensmittel haben auch schon auf unserer Trittstufe übernachtet… Aber jetzt, wo es doch schon einige Grade über Null hat, wollen wir das Problem beheben lassen.
Die Leute sind freundlich und ein Mechaniker findet nach etwas knobeln heraus, dass unsere Gaseinspritzdüse (oder wie das Ding auch heisst) verstopft ist und nur mit Druckluft nicht reinigen lässt. Er nimmt das Ding und kommt dann 20 Minuten später mit strahlendem Gesicht wieder. Nach dem Einbau merken wir sofort, dass es jetzt auf Gas auch wieder perfekt läuft. Die Lebensmittel können nun ab sofort wieder im Kühlschrank übernachten.
Mit ziemlich Verspätung fahren wir dann endlich von Alta weg (ja ich weiss, die Kartenansicht auf der Webseite funktioniert nicht mehr, ist aber morgen geflickt, versprochen) Richtung Kautokeino. Aber schon nach wenigen Kilometern in einem Tal müssen wir wieder stoppen. Kurz vorher ist eine Lawine über die Strasse gedonnert und nun geht es nicht mehr weiter. Es bleibt uns nichts anderes übrig als auf norwegische Art in aller Gelassenheit zu warten. Der Winterdienst ist in Norwegen perfekt organisiert, unsere Strasse wird sofort am Anfang und Ende geschlossen, so dass nicht noch mehr Fahrzeuge auf unsere Kolonne auffahren. Wir sind in dieser Richtung etwa 8 Fahrzeuge und über der Lawine sehen wir nur die ersten zwei.
Die Lawine sieht zwar mickrig aus, aber ich weiss aus Erfahrung, dass so ein Lawinenkegel aus Schnee hart wie Beton sein kann, also mit unserer Schneeschaufel will ich mich da nicht blamieren und warte darum auch auf die Räumfahrzeuge.
45 Minuten Später sind ein Schneepflug und ein grosser Radschauffellader hier und beginnen zu arbeiten. Das Lawinchen entpuppt sich doch als ein grösseres Ding, aber irgendwann ist die Strasse dann wieder frei und wir können weiter.
Wir merken allerdings schon bald, dass wir ziemlich spät in Karasjok ankommen werden und da einige Campingplätze jeweils schon um 16 Uhr geschlossen haben, entschliessen wir, uns irgendwo unterwegs zur Ruhe zu setzen. Problemlos finden wir einen schönen Rastplatz und richten uns bei Sonne gemütlich ein.
in der Nähe unseres Rastplatzes
Wir stehen im Niemandsland, ganz alleine, keine Lichter und nur ganz wenig Internet und Verbindung zur Aussenwelt. Es wäre der perfekte Ort, Nordlichter zu fotografieren, wenn denn welche erscheinen würden. Und frieren müsste ich jetzt auch nicht, Anita hat mir mit Wolle aus einer Tankstelle während den letzten Fahrten eine schöne neue Mütze mit Ohrwärmer gestrickt.
Kilometer: 130km
Temperatur: +4 bis -3 Grad
Schnee: ca. 1 bis 1.30m
In Karasjok, dem Parlamentssitz der Samen, kleidet sich Anita ein und verzichtet auf das Fahren mit Schneescootern
Gestern Nacht standen wir ganz alleine in der Wildnis, wir hatten sogar nur ganz schwachen Handyempfang und das will in dem Top-Organisierten Norwegen doch echt was heissen. Also die beste Voraussetzungen, um Nordlichter zu beobachten, ist doch die nächste Lichtquelle einige Kilometer entfernt. Allerdings ist die Sonnenaktivität momentan sehr schwach und die braucht es, um Polarlichter erscheinen zu lassen. Schon die ganze Woche ist der Nordlichtindex zwischen schwachen 2 und 3 von 10. Trotzdem wagen wir den Schritt vors Womo bei -10 Grad.
Nach einigem Warten sehen wir am Himmel weissliche, sich bewegende Wolken. Wir sind nicht sicher, ob das die Polarlichter sind und machen darum ein Foto (iso 1600, Belichtung 6 sek und Blende 3,5) und siehe da, auf dem Foto sind diese Wolken tatsächlich grün, also schwache Nordlichter.
Wir schauen dem Treiben über unseren Köpfen zu, wo sich die Lichter immer schneller bewegen und intensiver werden. Zuerst sehen wir nur einen Grünstich, dann werden sie immer grüner und plötzlich strahlt und tanzt der Himmel in einem satten Grün! Wir können unsere Münder vor Staunen nicht mehr schliessen und geniessen es einfach. Es ist absolut gewaltig! Dieses riesige Spektakel dauert vielleicht eine Minute, und danach merken wir, dass wir gar keine Fotos machten. Irgendwie nicht schlimm, aber dies einmal so stark zu erleben, ist einfach traumhaft.
Polarlicht über unserem Knutschi
Danach sind sie wieder nur noch schwach aber wir haben dennoch das Gefühl, dass sie viel näher sind wie letztes Mal. Dadurch bewegen sie sich schneller und das Fotografieren wird schwieriger.
Wir müssen uns irgendwann extra einmal auf eine Polarlichterexpedition machen, wenn die Sonnenaktivität grösser ist.
Später gehen wir durchgefroren Schlafen, denn die Nacht wird eisig kalt. Man merkt einfach, dass wir schon wieder vom relativ warmen Meer entfernt sind.
Morgens haben wir nur 50km zu fahren, denn wir wollen in Karasjok auf dem Campingplatz übernachten und dort eine Fahrt mit den Schneescootern buchen. Aber es beginnt schon bald zu schneien, die Landschaft ist weiss in weiss ohne Kontrast, und da müssen wir schon vor der Ankunft eingestehen, dass Schneescooter fahren bei dieser Sicht für Anita gar nix ist. Sie wäre danach drei Tage mit Schwindel im Bett, also lassen wir es besser bleiben.
Stattdessen besuchen wir nach dem Einkauf den Sami Park. Allerdings sind wir hier in Karasjok wohl die einzigen Touristen und im Park wurde nicht mit uns gerechnet. Es ist überhaupt nix los, immerhin hat die Boutique offen und das freut meine Anita. Und da ich gestern die selber gestrickte warme Mütze bekam, darf sie sich auch etwas gönnen. Schlussendlich kauft sie echt schöne Sami Fell-Stiefel und Mütze (Wolle für meine Mütze: 11.- Sami-Fellstiefel und Fellmütze: 300.- ausgeglichen, meint Anita). Sie sieht nun aus wie ein Filmstar oder ein Mitglied der königlichen Familie, echt gut, oder?
Auch beim Parlament der Samen schauen wir kurz rein, um uns dann im Wohnmobil den ersten selber gemachten Pølse zu verschlingen. So etwas wie der nationale Hot-Dog, den man an jeder Tankstelle bekommt und echt gut ist. Allerdings haben wir nur Toastbrot und kein richtiges Pølsebrot.
Irgendwie geniessen wir auch den heutigen Tag mit wenig gefahrenen Kilometern und für einmal nicht ganz perfektes Wetter, denn es schneit noch immer…
Der Campingplatz hier ist echt schön angelegt, grosszügig, gut gelegen und eine schöne Aussicht. Auch das Sauna-Hüttchen, Whirlpool, Grill-Hütte etc alles vorhanden. Und trotzdem sind wir auf dem ganzjährig geöffneten Platz die einzigen Gäste…
Unsere Reise wird morgen nach Finnland weiter gehen und dort werden wir in den nächsten Tagen das ganze Land durchqueren, irgendwann in Helsinki auf die Fähre fahren und dann durch Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien und Deutschland zurück in die Schweiz. Schliesslich müssen wir noch einige Destinationen für unsere Webseite der 100 schönsten Orte mit dem Wohnmobil rekognoszieren…
Wir sind also noch bis mindestens 30. April unterwegs und haben jetzt nicht mal die Hälfte hinter uns.
unseres Reisestrecke