Festung Bomarsund
Wir haben es so toll hier! Obwohl wir heute wieder bei sehr bedecktem Himmel erwachen, grau in grau, ist die weisse Landschaft mit dem Meer im Winter einfach toll. Das gleiche Wetter im Sommer würde uns nicht vom Hocker reissen, aber jetzt? Falls es zu regnen beginnt, würde es ja schneien und dann sieht es ja ebenso toll aus.
Wir haben übrigens gestern Abend beschlossen, nochmals mindestens einen Tag auf der Insel zu bleiben. Wir werden ja nicht allzu oft hier auf den Inseln sein.
Über Nacht sind unsere Rückspiegel von Raureif überzogen, der aussieht, wie wenn wir einen feinen, weissen Pelz darüber gestülpt hätten. Alles andere an unserem Womo sieht nicht mehr so knusprig aus, ziemlich schwarz vor Dreck. Aber hier auf Åland rechnen wir nicht damit, dass wir an einer Womo-Waschanlage vorbeifahren. Wir haben jedoch in unserem Navi tatsächlich eine Waschanlage eingegeben, auch wenn sie nicht für Womos ist. Aber unser Wassertank wird langsam leer und im Winter Wasser zu bekommen hier oben ist nicht mal so einfach. Die meisten Campingplätze haben geschlossen und die bisherigen Entsorgungsstationen sind entweder eingefroren oder das Wasser ist abgestellt.
Bei der anvisierten Tankstelle angekommen kaufen wir uns zuerst mal Schweibenwischwasser, frostfrei bis -25 Grad. Unseres ist ausgegangen und ohne ist man hier ziemlich auf verlorenem Posten. Gleichzeitig fragen wir, ob wir bei der Tankstelle Wasser tanken dürfen. Klar dürfen wir, aber auch hier ist der Wasserhahn draussen abgestellt und wir sollen den Wasserhahn innen bei der Waschanlage benützen. Dessen Schlauch reicht gerade knapp bis vor das Tor und wir müssen unser Knutschi ziemlich eng und quer zur Waschanlage hinparken. Aber es klappt und wir haben nun wieder einen vollen Wassertank. Jetzt müssen wir nur noch neue Scheibenwischer kaufen, denn wir haben ein fürchterliches Geschmiere auf unserer Frontscheibe. Die Tanke hat aber keine, die auf einen 10-jährigen Ducato passen. Oder wer hat einen Tipp, damit wir jeweils klare Scheiben haben?
Nach der Tanke gehen wir noch einkaufen für unser Frühstück und danach fahren wir bis zur Festung Bomarsund, insgesamt heute also nicht mal 40km Fahrstrecke. Kein Wunder, haben wir nun keine volle Batterie mehr, aber immerhin zu 72% geladen, dank dem guten Ladebooster…
Bei der alten Festung sehen wir einen schönen Rastplatz direkt am Meer. Wir beschliessen, hier zu bleiben und zu übernachten. Wir richten uns ein und frühstücken um 13 Uhr ganz ausgiebig. Das wenige 100m entfernte Besucherzentrum ist im Winter leider geschlossen.
Danach machen wir uns auf einen längeren Spaziergang und befassen uns etwas mit der Festung Bomarsund.
Bomarsund liegt strategisch günstig an der Grenze zwischen dem festen Åland und dem nordöstlichen Archipel. Nach dem Frieden in Fredrikshamn im Jahr 1809, als Finnland und Åland an Russland fielen, begannen die Russen Bomarsund zu bauen. Während des Krimkrieges im Jahr 1854 wurde die prächtige und riesige Festung von Franzosen und Engländer gesprengt. Überhaupt haben die Åland-Inseln und Finnland eine bewegte kriegerische Geschichte hinter sich. Strategisch gut zwischen dem starken Schweden und dem riesigen Russland in der Zange, gehörte es immer wieder mal zu Schweden oder zu Russland, die Grenze änderte sich dauernd. Nach der Zerstörung dieser Festung durch die Allierten wurde die Åland Convention von 1856 zwischen Russland, Großbritannien und Frankreich unterschreiben, die es untersagte, die Errichtung von Befestigungsanlagen und Marinestützpunkten sowie die Stationierung von Truppen auf den Inseln. Das Abkommen ist noch immer gültig und darum gibt es auf diesen Inseln keine militärischen Anlagen.
Wir beschliessen übrigens, die Åland-Inseln heute als unabhängiges Land zu akzeptieren, auch mit dem Hintergrund, damit wir dadurch ein weiteres Land mit unserem Womo bereist haben (unser 34stes).
Der Spaziergang führt uns danach weiter dem Meer entlang. Es sieht magisch aus, grau, wild, unfreundlich, aber eben auch faszinierend. Der Wind pfeift uns um die Ohren, aber wir sind gut eingepackt mit meinem wolligen Islandpulli.
Wieder zurück im Womo buchen wir die Fähre für morgen (inkl. Vip-Lounge) und auch mit Stromanschluss für 5€. Nicht weil wir Angst um die Waren in unserem Kühlschrank haben, aber morgen werden wir eine ziemlich leere Batterie haben und lange Fahrzeiten auf der Insel bis zur Fähre gibt es nicht, also gibt es doch nichts besseres, wie auf der Fähre unser Knutschi wieder aufzuladen, oder?
Während draussen der Wind pfeift, das Meer peitscht und die dunklen Wolken vorbeiziehen, bereiten wir drinnen ein kleines Raclette vor. Wir freuen uns darauf und es ist so schön, einfach mal Zeit zu haben. Aber ganz ehrlich, die Tage sind schon relativ kurz, wenn es nur etwas über 6 Stunden hell ist. Und sie werden noch kürzer, wenn wir weiter in den Norden kommen.
Momentan ist für die nächsten Tage eine Warmfront angesagt, also keine eisigen Temperaturen. Schauen wir, wie es weitergeht.
9:31 Uhr Sonnenaufgang
16:07 Uhr Untergang (finnische Zeit)
6:35 Std. Tageslänge
Windig, stark bewölkt, 0 bis -4 Grad
37km Strecke
0:52 Std. Dauer
43 km/h
10,0 Liter
Ach ja, Anita schreibt ebenfalls einen Blog mit viel mehr Fotos auf findpenguins. Das ist für sie das beste App, um Reiseberichte zu schreiben, Fotos hochzuladen und nach der Reise ein Fotobuch erstellen zu lassen.
Mit dem falschen Fuss aufgestanden
Ich erwache morgens nicht mit der besten Laune. Schon während dem Schlaf hörte ich, wie Regen auf das Dach des Womos prasselt. Was soll das? Schneematsch und Regen kann ich im Winter auch in der Schweiz haben, dafür musss ich nicht in den Norden fahren. Aber die Warmfront war angekündigt und ich bin irgendwie hässig, dass sie auch eintrifft. Es soll bis nächsten Samstag in Finnland und ganz Skandinavien relativ warm sein (über Null). Von wo ich das weiss? Ich orientiere mich meistens am App «Weather Radar», da habe ich jeweils ein Wetterradar für ganz Europa, eine kleinere Gegend oder ganz lokal. Und je nach ausgewähltem Radarbild habe ich Regen, Bewölkung, Schneemenge, Temperatur, Wind, Wellengang und noch weiss ich was alles. Genau das, was man fürs Reisen so braucht und noch viel mehr. Und das bis zu 5 Tage im Voraus.
Also dann regnet es halt bei uns auf den Åland-Inseln, ein Grund, endlich unser Schweibenwischwasser aufzufüllen. Schliesslich habe wir eines gekauft, das bis -25 Grad gut sein soll. Also raus in den Regen, Motorhaube öffnen und schon mal in einem tiefen Gunten (für Hochdeutschsprechende: Wasserpfütze) zu stehen und innerlich zu fluchen. Warum muss dieser Gunten genau vor unserem Womo sein? Und dann stehe ich wie ein Depp vor der geöffneten Motorhaube: Öleinflussstutzen, Brems- und Kühlflüssigkeit sehe ich alles, aber wo ist verd... nochmals das Scheibenwasser? Ich kann es nicht glauben, ich finde das echt nicht, wo man das einfüllen muss. Bin ich so ein Depp? Also nochmals rein und Onkel Google fragen. Aber der sagt nur immer, in Fahrtrichtung links beim Motorblock. Aber da ist bei uns nix! Anita kann das nicht glauben und denkt, dass ich nicht gut schaue, also steht auch sie in den Gunten und findet es ebenfalls nicht. Müssen wir jetzt echt die Ducato-Betriebsanleitung lesen? Aber wer macht das schon und wer nimmt die schon mit? Wir sicher nicht. Muss ich mich jetzt blamieren und meiner Hausgarage telefonieren? Wir scheitern schon am kleinsten Problemchen, wie wäre es, wenn wir ein gröberes Problem hätten? Vielleicht doch gut, dass es nicht minus 20 Grad kalt ist, wir wären wohl an unserem Limit.
10 Minuten später findet Anita dann den Einfüllstutzen doch noch, tatsächlich links vom Motorblock, aber ganz hinten und echt nicht sichtbar. Also biegen wir diesen etwas nach vorne und versuchen, die Putzflüssigkeit hineinzuschütten. Chancenlos, 95% daneben. Also holen wir einen kleinen Trichter aus der Küche (meiner beim Ersatzwerkzeug ist zu gross und nicht zu gebrauchen) und dann schütten wir fast Tröpfchenweise das was von den 3 Litern übrigblieb, hinein. Mit nassen Füssen und nassen Jacken sind wir endlich wieder im warmen Womo und müssen uns schon bald beeilen, damit wir die Abfahrt der Fähre nicht verpassen.
Aber nach 10 Kilometer liegt noch ein Halt bei der einzigen mittelalterlichen Burg auf Åland drin. Der Fussweg ist wie die Strassen bisher total vereist und es pisst noch immer. Aber da wir schon nasse Füssen haben, können wir auch durch den aufgeweichten Schnee waten. Ich nerve mich nur noch innerlich. Und Anita hat beste Laune und das macht mich nur noch hässiger…
Nach diesem Fotospot wieder im Womo (das nebenanliegende Freilichtmuseum hat natürlich auch geschlossen) und wir fahren auf sehr eisigen Strassen nach Mariehamn und weiter nach Langnäs zum Hafen. Wir frühstücken im Womo, wo noch immer der Regen auf das Dach hämmert.
90 Minuten vor der geplanten Fährabfahrt checken wir mit unserem Knutschi bei Finnlines ein, wieder problemlos und stellen uns in der Linie 7 zuvorderst an. Weit und breit kein anderes Fahrzeug.
Endlich lässt der Regen nach (nach Wetterprognosen 30 Minuten zu spät) und vor uns liegt das Frachtschiff MS Fjärdvägen. Dieses Frachtschiff verkehrt seit 25 Jahren zwischen Finnland und Åland und versorgt die Insel täglich mit Waren, es ist quasi die Nabelschnur der Insel. Die MS Fjärdvägen kann auch als leichter Eisbrecher eingesetzt werden und darum sind die Fahrpläne so ausgelegt, dass dieses Frachtschiff 15 Minuten vor der Fähre ablegt und so bei Eis die Fahrrinne für die Fähre nach Turku bahnt.
Als sie die Motoren aufheulen lässt und sich auf den Weg nach Finnland macht, taucht unsere grosse Fähre wenige 100m vor der Mole auf, legt an, öffnet ihre Klappe ohne dass das Schiff angebunden wird und schon winkt uns die Crew an Bord. Wir fahren durch den langen Bauch der Fähre bis vor das vorderste kleine Tor. Wir sind nun mit unserem Knutschi ganz vorne, können es an den Strom anstecken (wäre nicht mal nötig, die Batterie hat nun schon wieder 50%) und die zwei Schweizer Däppen suchen nun im grossen, fast leeren Bauch der Fähre die Türe zu der Treppe nach oben. Wir müssen sie uns von der Crew zeigen lassen, aber wir sind entschuldigt, kommen wir doch aus einem Land ohne Meer und grosse Schiffe.
So steigen wir in den Lift, drücken Etage 12 und sind direkt vor der exklusiven Lounge, wo wir wieder unseren Aufenthalt gebucht haben.
Laptop auspacken und an den Strom schliessen, W-Lan einrichten, Cola, Kaffee und Chips holen und uns so für die nächsten 5 Stunde bequem machen. Wir sind wieder alleine in diesem Bereich und können uns so aufführen, wie wir wollen.
Meine Laune ist übrigens wieder gut, sehr gut sogar. Anita liesst in ihrem Buch, ich schreibe Cola schlürfend den Blog, schaue dem Sonnenuntergang zu und sehe die vielen kleinen Inseln an uns vorbeiziehen. 400m vor uns das Frachtschiff, das nun nicht als Eisbrecher zum Einsatz kommt, aber so tut, als müssten wir in seinem Fahrwasser schippern. Irgendwann wird es unserem Kapitän aber zu bunt und auf offenem Meer überholen wir dann.
Wenn wir abends bei Dunkelheit mit der Fähre in Turku ankommen, haben wir noch etwa 20 Minuten Autofahrt vor uns. Ich habe da einen Stellplatz herausgeschrieben, wo wir dann die Nacht verbringen wollen.
9:29 Uhr Sonnenaufgang
15:56 Uhr Sonnenuntergang
6:27 Std Tageslänge
von Regen bis schön
85km Fahrt
1:37 Std Fahrzeit
52km/h
10,2 Liter
und sind die grössten Idioten
Nach einer ruhigen Nacht machen wir uns relativ früh bereit für die Abfahrt. Wir sind auf einem Stellplatz gelandet, der bei einem Wohnmobilhändler liegt. So können wir noch Entsorgen und den Wassertank voll auffüllen. Diese Nacht hatten wir das erste Mal das Stromkabel eingesteckt und so checken wir die volle Batterie schon bei der Abfahrt. Alles im grünen Bereich. Wir werden heute Richtung Kuopio fahren, wo wir morgen in einem Aussichtsrestaurant auf einem Turm einen Tisch reserviert haben. Wenn wir heute die Hälfte der Strecke schaffen, reicht das völlig.
Wir kommen gut aus Turku raus und sind schon bald auf der E63 Richtung Tampere, der drittgrössten Stad Finnlands. Die Strasse geht fast nur geradeaus, ist sehr breit, wenig Verkehr und wir kommen gut voran. Die Fahrt ist entspannt, kein Stress. Wir sehen viele Elche auf Strassensignalen, aber keine echten in den lichten Wäldern. Das Wetter ist bedeckt, grau in grau, aber es stört uns nicht. Bis dahin noch immer alles im grünen Bereich.
Wir machen einen Fahrerwechsel und Anita fährt nun die 2. Hälfte. Aus Langweile checke ich unsere Batteriekapazität und stelle komischerweise fest, dass sie nur noch zu 72% gefüllt ist und aktuell 22A Strom bezogen wird. Sehr komisch! Was könnte das sein? Ich stelle mal den Kühlschrank auf Gas um und stelle alle unsere Verbraucher ab. Immer noch 19A Verbrauch. Das ist jetzt schon etwas komisch und beunruhigt mich. Einzige Lösung, alles neu starten. Also fährt Anita auf einen Parkplatz, stellt Motor ab und startet neu. Nun ist der Strombezug wieder normal, aber das rote Batterielämpchen im Armaturenbrett leuchtet. Ist jetzt nicht so wahnsinnig tragisch, das ist schon häufiger vorgekommen. Aber irgendwie haben wir den grünen Bereich Richtung orange verlassen.
Nun sehe ich im App des Ladeboosters, dass die Autobatterie nur noch 12.6 V hat. Also nochmals abstellen und wieder starten. Nun wird wieder Strom von der Aufbaubatterie bezogen, aber die Starterbatterie erhöht die Spannung wieder allmählich. Während ich herumgrüble, was das sein könnte und zum Schluss kommen, dass eventuell unsere Lichtmaschine im Eimer ist, fährt Anita nach Navi weiter. Ich hatte morgens einen Aussichtsturm als Ziel definiert, aber dafür habe ich nun keine Zeit, ich muss das Stromproblem in den Griff bekommen. Unsere Aufbaubatterie ist nun nur noch 60% geladen.
«Links oder rechts?» fragt Anita, ich schaue aufs Navi und sage «links», ohne auf die Strasse zu achten. «Das geht aber nicht so gut» höre ich sie sagen und merke dann, dass wir wieder auf so einem finnischen Waldweg sind. 20cm Schnee, nur eine einzige Autospur vor uns und es geht immer mehr den Berg hoch. Zu schmal umzukehren, zu weit, um im Tiefschnee rückwärts zu fahren! Was sind wir für Idioten, so etwas wollten wir doch um jeden Preis auf dieser Reise vermeiden. Ich bin nun im tiefroten Bereich. Aber noch geht es vorwärts, allerdings immer langsamer und der Schnee wird immer tiefer und die Strasse immer steiler. Es kommt so, wie es kommen musste, die Räder drehen durch, wir kommen keinen Millimeter mehr weiter. (violetter Bereich) Ich könnte heulen und rege mich fürchterlich über mich auf, dass wir schon wieder in so einem Schlammassel drinsitzen. «Also, Gang raus, Handbremse anziehen und Motor laufen lassen!» befehle ich. Ich habe nämlich Angst, dass unser Auto nicht mehr anspringt bei einer so tiefen Starterbatterie. Abschleppen wäre hier auch nicht möglich.
Ich steige aus, versuche ruhig zu bleiben und hole unsere Schneeketten. In der Aufregung habe ich etwas Mühe, sie richtig zu montieren, aber es klappt, die nun vom Schnee nassen Knie und Schuhe stören mich nicht. Anita lässt mich ans Steuer und ich versuche, unser Knutschi wieder in Fahrt zu bringen. Immerhin schaffen wir so mit Mühe noch die letzten 300m bis wir beim nicht geräumten, aber ebenen Waldparkplatz vor dem Turm stehen. Irgendwie das Auto drehen, Motor laufen lassen und wenn wir schon hier sind, den Turm besteigen. Die schöne Aussicht geniessen können weder Anita noch ich.
Einfach wieder zurück zum laufenden Motor, einsteigen und nun langsam den Berg runter fahren (noch bin ich im roten Bereich). Was machen, wenn nun ein Auto hochfahren will? Gar nicht dran denken, einfach weiter und weiter. Endlich sind wir wieder auf einer einigermassen fahrbaren Strasse und kurz vor der Hauptstrasse demontieren wir die Ketten.
Ich rege mich fürchterlich auf, es hätte wieder in einem riesigen Schlamassel enden können. Warum sind wir nur so dumm, solche Dinge zu machen?
Wieder auf der Hauptstrasse kommt nun wieder das Stromproblem in den Vordergrund. Einzige Lösung: in eine Garage fahren und testen lassen, ob es wirklich die Lichtmaschine ist. Wir steuern eine Garage am Strassenrand an, stoppen unser Knutschi und treten an die kleine Rezeption der Werkstatt. Nach dreissig Sekunden kommt ein älterer Finne, begrüsst uns und ich stottere mein auswendig gelernter englischen Satz runter «Sorry, we have e problem with the electricy enginge be us in the camping-car…» Der Finne verwirft die Hände, sagt nur «no, no no» und verlässt die Reception wieder. Anita und ich stehe wie begossene Pudel da und verlassen wenig später die Garage. Hier bekommen wir keine Hilfe. Und freundlich wäre ganz anders.
Also fahren wir wenige hundert Meter weiter zur nächsten, die sieht etwas grösser und moderner aus. Auch hier versuchen wir unser Problem zu erklären, bekommen aber dieses Mal Hilfe und müssen den Autoschlüssel abgeben. Ein junger Mechaniker startet den Motor und öffnet die Motorhaube. Ich versuche ihm zu erklären, was ich vermute, aber dieser sagt nur «Sorry no english». Das überrascht uns nun doch schon etwas, mal ehrlich, wie viele Leute können Finnisch? (5.6 Mio!) Eine viertel Stunde später steht anscheinend fest, unsere Lichtmaschine ist tatsächlich kaputt und lädt nicht mehr. (ich bin wieder im orangen Bereich) Der Rezeptionist fragt uns (dieser kann englisch), ob wir ein Auto mieten wollen, sie können die Lichtmaschine erst am Montag wechseln (kurz im roten Bereich).
Wir sind wie vor den Kopf gestossen und bitten um 10 Minuten Bedenkzeit. Was machen? Wir können doch nicht für 5 Tage ein Auto mieten und in ein Hotel ziehen? Wir überlegen und überlegen. Aber wenn wir irgendwo unser Knutschi an den Strom stellen könnten, würden die Batterien wieder geladen und unsere Aufbaubatterie könnte ja die Autobatterie auch wieder laden während dem Fahren? Das müsste ja wie heute gehen? Also müssten wir einfach einen Stellplatz mit Strom haben und wir könnten dann am Montag die Lichtmaschine wechseln lassen. Campingplätze der Region haben alle geschlossen, Stellplätze mit Strohm finden wir in der Gegend auf die Schnelle keine. Aber der Parkplatz der Autogarage ist mit kleinen Stromsäulen ausgerüstet, um die Fahrzeuge bei grosser Kälte vorzuwärmen. Wir fragen, ob wir heute Nacht da stehen und unser Womo an den Strom anhängen dürfen, dann würden wir am Montagmorgen 9 Uhr bereit sein. Wir dürfen, also bleiben wir.
Wir sind heute 200km weit ohne Lichtmaschine gefahren, dabei mit vollen Batterien gestartet. Das sollte also die nächsten Tage auch drin liegen und so werden wir täglich einen Aktionsradius von diesen 200km haben, wenn wir abends Strom beziehen können.
Jetzt sind wir auf der Suche nach einem Alternativprogramm und Stellplätzen mit Strom. Morgen Tampere besichtigen, dann eventuell nach Lahti langläufeln oder wer hat noch Ideen? Und wer kennt geöffnete Stellplätze mit Strom?
Wir sitzen also bis Montag in dieser Gegend fest.
(Geschlafen wird ungefähr im hellgrünen bis gelben Bereich).
9:21 Uhr Sonnenaufgang
15:40 Uhr Sonnuntergang
6:19 Std Tageslänge
Wetter grau in grau
215 km Fahrt
Wir geniessen es aber trotzdem
Wir haben uns nun abgefunden, dass wir mindestens bis Montag hier in der Gegend bleiben müssen. Hadern hilft nix, also machen wir das Beste daraus. Morgens gehen wir nochmals in den Autoshop und fragen nach zwei neuen Schweibenwischern. Diese müssen auch bestellt werden, sind aber bis Montag auch hier.
Danach packen wir zusammen und fahren nach Tampere. Tampere ist die dritt grösste Stadt Finnlands, die Sauna-Hauptstadt. Ebenfalls wird die Stadt als Mekka und Wiege des finnischen Eishockeys bezeichnet. Wir müssen also in eine Sauna und einen Eishockeymatch. Aber heute wollen wir auf den Näsinneula, einem 168m hohen Aussichtsturm, der von mehr als 20km Distanz gesehen werden kann. Heute leuchten die Lichter oben am Turm gelb. Gelb bedeutet Sonnenschein, grün Regen. Aber irgendwie sieht man das Wetter doch sowiso, wenn man zum Turm hochschaut, da braucht es doch keine zusätzliche Lichter? Aber die Finnen spinnen manchmal eben doch ein bisschen: um ein Stück vom See eisfrei zu halten, um darin zu baden (!) haben sie unter Wasser ein Strömungsgenerator installiert, der Wellen macht, statt einer Heizung einzubauen!...
Egal, uns fasziniert der zugefrorene Näsijärvi-See, der grösste der gesamten Region (256km²), überhaupt gibt es rund um Tampere circa 2500 Seen. Etwa 20 haben eine besonders grosse Wasserfläche von über 20 km².
Nach der rasanten Liftfahrt nach oben geniessen wir bei schönstem Wetter die Aussicht und danach einen Tee, der zum Eintrittsticket dazugehört. Wir gönnen uns aber auch noch Croissants…
Aussicht auf den zugefrorenen See
Nach rund einer Stunde sind wir wieder beim Knutschi und fahren nochmals 50km zu einem Stellplatz, der zum Ikaalinen Spa gehört. Wenn schon, dann schon.
Wir kommen gut dort an, auf der gesamten grosse Fläche des Stellplatzes könnte man problemlos Eishockey spielen, sofern man Schlittschuhe hat. Das heutige Wetter mit 5 Grad tagsüber und Minustemperaturen in der Nacht hinterlässt eine spiegelglatte Eisfläche. (Tipp: mit Crocks rutscht man auf dem Eis viel weniger, wie mit den besten Winterschuhen). Wir stecken zuerst unser Knutschi an den Strom, sonst können wir morgen dann nicht mehr weiterfahren, packen unsere Badehosen in den Rucksack und kämpfen uns auf dem Eis zum Eingang des Spa’s.
Im Ikaalinen Spa lassen wir es uns gut gehen, geniessen das warme Wasser, den Wihrlpool und die Wassermassagen, beim Aussenpool zieht es dann doch etwas an die Ohren und wir bleiben besser drinnen. In die Dampfsauna gehen wir erst ganz am Schluss, schliesslich müssen wir uns noch so richtig aufwärmen. Den Punkt: «in Finnland in eine Sauna gehen» haben wir also erledigt. Nach einem Sprung in den eisigen See (leider kein Foto ;-) ) geht es uns so richtig gut.
Im Wohnmobil machen wir es uns dann bequem, räumen noch etwas auf und entsorgen endlich unseren gesammelten Abfall. Anita kocht heute Spaghetti à la scharf.
Achtung, dieser Teil wurde von einem Nicht-Techniker geschrieben, der gerne einer wäre…
Ein Auto braucht Strom, dafür ist die Autobatterie unter der Motorhaube. Diese Autobatterie liefert Strom für den Anlasser, Licht, Lüftung, ABS, Tacho, Navi, Airbag, Klimaanlage und all den anderen Schnickschnack. Da all diese Dinge viel Strom brauchen und die Batterie schnell leer wäre (ca. nach zwei Stunden Fahrt) gibt es die Lichtmaschine (oder Alternator), die diese Batterie während der Fahrt dauernd auflädt. Ist die Batterie leer, stellt das Auto ab und man kann keinen Meter mehr fahren.
Wir haben aber nun ein Wohnmobil das eine zusätzliche Batterie hat für die Innenbeleuchtung, Kühlschranksteuern und was man sonst noch alles braucht. Bei unserem älteren Wohnmobil haben wir im EBL (Elektrosteuerung) ein Trennrelais, das folgende Aufgabe hat: läuft der Motor, schaltet es die Auto- und die Wohnraumbatterie in einen Kreis und die Lichtmaschine kann so beide Batterien gleichzeitig laden. Sobald der Motor abgestellt wird, trennt dieses Relais die Batterien wieder, denn sonst würde Strom von der Autobatterie in die Wohnraumbatterie fliessen und bei grossem Stromverbrauch kann man morgens nicht mehr starten, weil auch die Autobatterie leer ist. Wir haben nun neu noch einen Ladebooster eingebaut, damit bei laufendem Motor die Wohnraumbatterie schneller geladen ist.
Nun ist bei uns die Lichtmaschine kaputt und liefert der Autobatterie keinen Strom mehr. Wenn der Motor läuft, schaltet das Trennrelais die beiden Batterien zusammen, in der Hoffnung, die Autobatterie wird geladen. Da kommt nun kein Strom von der Lichtmaschine, also speisst unsere Wohnraumbatterie die Autobatterie und alle Stromverbraucher. Ist nicht so gewollt, aber nun unser Glück. Denn so haben wir auch nach 2 Stunden Fahrt noch keine leere Autobatterie, da die Wohnraumbatterie Strom fliessen lässt. Bei normaler Fahrt verbrauchen wir jetzt ca. 11A Strom, schalten wir nur schon das Licht und den Scheibenwischer ein, braucht es schon 19 A, mit Lüftung 23A und wenn wir noch die Scheinwerfer einschalten, kommt ganz sicher noch viel mehr Verbrauch dazu. Wir könnten also etwa 4 Stunden problemlos fahren, wenn beide Batterien ganz geladen sind. Da unser Wohnmobil im Gegensatz zu einem normalen Auto einen Stromanschluss hat können wir nach der Fahrt an Landstrom anhängen und so werden beide Batterien wieder geladen und am nächsten Morgen können wir wieder 4 Stunden fahren.
Wir hatten also grosses Glück, dass wir den Defekt der Lichtmaschine gemerkt hatten, bevor wir mit leeren Batterien liegen blieben. Und wir hatten nochmals Glück, dass wir eine Dieselheizung haben, denn hier in Finnland gibt es kein LPG-Gas und wenn wir nun im Winter unseren Aufenthalt um 5 Tage verlängern müssten, hätten wir mit Heizen ein Problem.
Der obige Text basiert auf MEINEM Halbwissen. Wer wirklich Fakten hat, darf diese in den Kommentaren kundtun, alle anderen beginnen ihren Kommentar bitte mit «Ich meine, dass…»
PS: wie finden diejenigen, die Strom brauchen, immer einen Stell- oder Campingplatz? Wo sucht ihr und wie? Da wir bisher selten am Strom hingen, sind wir nun etwas überfordert!
9:22 Uhr Sonnenaufgang
15:47 Uhr Sonnenuntergang
6:25 Std. Tageslänge
0 - 5 Grad, sonnig
105km Fahrt
Aber wir sind begeistert
Die Nacht war ruhig und abends hatten wir sogar noch leichte Nordlichter. Nichts Spektakuläres, aber immerhin.
Heute Morgen suche ich dann noch unser nächstes Etappenziel heraus. Park4night kenne ich in der Schweiz, aber hier in Finnland habe ich noch keine Erfahrung. Allerdings nerve ich mich ein bisschen, denn von den angegebenen Übernachtungsplätze die in der Gegend im Winter geöffnet sein sollen und Strom anbieten, sind 80% Falschinformationen. So etwas sollte nicht sein. Ich hätte einen schönen Stellplatz gefunden bei einem alten Bahnhof mit ganz vielen Dampflokomotiven. Aber bei genauerem Recherchieren hat auch dieser Stellplatz entgegen den Angaben im Winter geschlossen, auch ein Mail beim Betreiber bestätigt das. Schade, es hätte bis Montag eine coole Rundtour gegeben. Aber so fahren wir wieder zurück, ein bisschen hin und her. Wir zielen einen Stellplatz in Akaa an, direkt an einem See mit Strom, der sicher geöffnet hat.
Wenige Kilometer, nachdem wir losfahren, gehen wir noch Lebensmittel einkaufen und tanken. Während ich die Lebensmittel verstaue, besucht Anita noch kurz das Warenhaus Tokmanni, sie braucht noch Stricknadeln. Etwas später ist sie mit strahlendem Gesicht zurück «Wow, was für ein Laden, der hat jetzt wirklich alles, von vielen Kleidern über Autozubehör bis Werkzeug, ein Traum. Besser wie Biltema!» Sogar ihre gesuchten Rundstricknadeln findet sie, sogar aus Birkenholz.
so übersetzen wir die finnische Sprache
Auf der Weiterfahrt sinkt die Stimmung dann etwas, Nebel, feucht, dreckig. Die Kilometer ziehen sich, obwohl wir ja nur 100km fahren wollen. Aber endlich können wir den Blinker stellen und zum Stellplatz abbiegen. Es ist wieder ein Stellplatz von BestPark, mit diesen haben wir bisher super Erfahrungen gemacht. Sie haben kleine Entsorgungshäuschen, die geheizt sind und man WC, Grauwassertank und Abfall entleeren und auch Frischwasser füllen kann. Reservieren, Platz auswählen, dann kommt ein Mail mit Code für das Eingangstor und schon ist man drin.
Kaum stehen wir wieder auf so einem eisigen Platz (Tauwetter tagsüber und gefroren nachts) machen wir einen kleinen Rundgang. Im Entsorgungscontainer hier hat es Duschen, WC’s, Waschmaschine und sogar eine Sauna. Wow, was für ein Komfort! Die werden wir heute Abend ausprobieren.
Aber zuerst machen wir einen Spaziergang an den See und auch hier, ein Badehäuschen, um sich umzukleiden, eine Sauna für 3€ und beim Holzsteg wird eine 10m grosse Fläche im See eisfrei gehalten. Und man glaubt es nicht: den ganzen Nachmittag kommen Leute mit dem Auto oder Velo hierher, ziehen Badehosen an, steigen in das Loch mit dem eisigen Wasser, schwimmen eine kleine Runde, kommen wieder heraus, ziehen sich an und gehen wieder. Den ganzen Nachmittag sind immer Leute hier. Das ist wohl der Volkssport in Finnland. Meine Männlichkeit schrumpelt auf 2cm nur schon beim Zuschauen! Das Wasser hat sicher keine 2 Grad! Die Spinnen wirklich, die Finnen.
Ich getraue mich nicht, ein Foto von dem Loch zu machen, solange sich Leute darin aufhalten, also warte ich, und warte, und warte. OK, wenn da immer Leute kommen, komme ich nochmals wenn es dunkel ist.
Also zurück zum Knutschi, den Nachmittag ausklingen lassen und dann den Saunagang auf dem Stellplatz vorbereiten. Wir sind übrigens wieder ganz alleine auf dem grossen Stellplatz und dadurch auch in der Sauna.
Es ist genau beschrieben, wie man die Sauna in Gang bringt, wir machen alles genau nach Vorschrift und 30 Minuten später sitzen wir schwitzend bei 80Grad in der fein riechenden Holzsauna und fühlen uns wie Götter. Wir geniessen die heisse Luft und die Wärme, Duschen zwischendurch und beginnen den nächsten Saunagang.
das Foto ist etwas in die Breite gezogen ;-)
Später im Wohnmobil sind wir total aufgeheizt und euphorisch, also ziehe ich meine Badehose an, eine Warme Jacke, Trainerhosen und laufe mit Fotoapparat und Stativ zum Holzsteg. Plan: ein Foto machen, wenn ich mit Mütze und Badehose in dieses Eisloch steige und allen zeige, was für ein harter Kerl ich bin. Das Eisloch ist nun im Dunkeln beleuchtet und es sind etwa 10 Personen darin, die dort drin sitzen. Jetzt um 20 Uhr hat es noch mehr Leute hier, wie am Nachmittag! Die spinnen ja wirklich total!
Also aus dem Foto wird nichts, ich kann doch keine anderen Leute in Badehosen zeigen. Und wenn ich kein Foto machen kann, wäre ich ja total verrückt, ins kalte Wasser zu steigen. Und übrigens wäre ich wahrscheinlich der einzige, der nur den Fuss ins Wasser steckt und dann einen Rückzieher macht. Und das all vor diesen harten Frauen und Männern. Also rechtsumkehrt, vielleicht hat es später keine Leute mehr…
9:17 Uhr Sonnenaufgang
15:51 Uhr Sonnenuntergang
6:34 Std. Tageslänge
104km Fahrt
1:28 Std
70km/h
11,1 Liter
unseres Reisestrecke