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Falun Schweden 2018
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Verschätzt

Ein Marokkaner der nicht Auto fahren kann, quer durch den Markt und über die unendlichen Berge

Während wir morgens eine halbe Stunde warten, bis unser Frischwassertank wieder voll ist, fahren plötzlich zwei junge Schweizer auf dem Campingplatz. Wir tauschen auf Mundart noch ein paar Tipps aus und fahren dann doch los Richtung Süden. Wir wollen heute den Atlas überqueren und in den Süden gelangen.

Kurz nach dder Abfahrt am Fusse des Tizi-n-Tairhemt (1907müM) werden wir von der Polizei gestoppt. Ausnahmnsweise keine Kontrolle, sondern ein Militärkonvoi kommt uns entgegen und der muss in den Bergen freie Fahrt haben. 20 Minuten später sind die fünf Sattelschlepper durch und wir können endlich losbrausen. Die Strasse ist gut ausgebaut, ziemlich Verkehr, was wir gar nicht mehr gewohnt sind. Alles in allem nichts Spannendes. Da muss doch noch etwas mehr kommen, etwas Abenteuer wäre nicht schlecht. Wenn wir da gewusst hätten, dass wir heute noch allemal genug Abenteuer bekommen würden, wären wir auf der Hauptstrasse geblieben. Aber das wussten wir da noch nicht. Also kramen wir die Karte hervor und sehen dass von Rich nach Tineghir, unserem Etappenziel, auch eine kleinere Strasse über die Berge führt. Blinker lins raus und dem Wegweiser Imilchil folgen. 123km auf dieser Strasse bis zum nächsten Abzweiger, easy!

Rich - Imilchil

Nach ein paar hundert Meter kommt die Ortstafel Rich, schöne breite Strasse, ziemlich viele Leute unterwegs. Wir fahren durch das Stadttor und sind plötzlich auf einem grossen Platz voller Leute und keine Strasse mehr. Wo durch? Ich drehe unser Knutsch und fahre wieder zum Stadttor hinaus, dort studieren wir die Karte. Doch, wir müssen einfach geradeaus, aber nach dem Platz führt keine Strasse weg. 2. Versuch: wieder durch das Stadttor und dann fahre ich einfach links einem kleinen Büsschen nach und versuche, diesen Platz zu umfahren. Die Strasse wird zum Strässchen, Eselskarren, Fussgänger, parkierte Autos, entgegenkommende Lastwagen, dann wieder rechtwinklig nach rechts und zwischen all den Fussgängern sehe ich, dass es 40m weiter vorne wegen einem parkierten Auto verdammt schmal wird. Also stoppe ich und will den Gegenverkehr passieren lassen. Der jedoch signalisiert mir, dass ich fahren soll. Also dann los.

nicht immer, aber ziemlich oft

Tja, mein Augenmass hat nicht getäuscht, trotz eingeklappten Rückspiegeln komme ich nicht vorbei und der entgegenkommende Idiot von Marokkaner fährt mir auch noch entgegen. So kommen wir nie aneinander vorbei. Ich versuche wieder ein paar cm zurück zu fahren und der Marokkaner fährt sofort die gleiche Richtung wie ich. So wird das nie etwas! Ich versuche ihm durchs Fenster zu erklären, er müsse nur drei Meter retour und schon sind wir vorbei. Aber irgendwie versteht er mein arabisch nicht und macht immer das Gegenteil. Inzwischen sind wir schon zu einer gewissen Attraktion in der Menschenmenge geworden, bis dann ein junger Bursche dem hoffnungslos überforderten Autofahren erklärt, er müsse jetzt einfach zurück fahren. Nach einer gespürten Ewigkeit kommen wir dann endlich vorbei. An den schwarzen Reifenspuren auf Knutschis unterer Seitenabdeckung hat sich der Marokkaner mit der Distanz doch auch etwas verschätzt. Bei uns aber schlussendlich nichts kaputt. Aber durch sind wir noch lange nicht, treffen aber auf Könner von Autofahrer und sind dann endlich durch dieses Kaff durch.

Zuerst mal eine Pause.

Und dann fahren wir weiter, immer schön in diesem Tal neben dem Fluss in den Bergen. Die Berge werden höher, die Strasse schmaler, der Verkehr weniger, das Tal höher, die Leute ärmer. Nach einer Stunde haben wir grad knapp 40km geschafft, und wir müssen mindestens 123km bis zur nächsten Abzweigung. Die Strasse wird noch schmaler, die Löcher grösser und zahlreicher, die weggeschwemmten Strassenstücke länger, der Asphalt weniger. Nach einer weiteren Stunde haben wir wieder 30km geschafft und wieder wird eine Pause fällig.

wenn der durchkommt, wir auch!

Eine Familie mit Eltern und drei Töchtern kommen zu uns zum Wohnmobil, sie haben vorher im rotbraunen Wasser die Kleider gewaschen. Sie lachen, strecken uns die Hände entgegen und begrüssen uns. Ich frage nach Imilchil und zeige in unsere Fahrtrichtung. Die grösste Tochter nickt und dann fragt die Mutter, ob wir nicht irgendwelche Kleider zum Verschenken haben. Sie zeigen mit dem Finger auf ihre Hütte, wo sie total von der Welt abgeschnitten leben. Klar haben wir für diese Familie Kleider, denn die Sachen für die andere uns bekannte Familie konnten wir ja noch nicht verschenken. Also holt Anita drei Jacken und zwei Schokoladen und die gesamte Familie bedankt sich überschwänglich und winkt uns noch lange zu.

Auf einem Grossteil des Weges winken uns Kinder zu, einige machen auch Zeichen, wir sollen anhalten. Wir wissen, dass sie nur betteln wollen und bei uns gibt es normalerweise nichts ohne Gegenleistung. Bei einer Gruppe Kinder sehen wir, dass sie etwas verkaufen wollen. Da stoppen wir und lassen uns ihre Schätze zeigen. Sie haben Baumnüsse gesammelt und zeigen sie uns voller Stolz. Also tauschen wir Süssigkeiten für einen Sack Baumnüsse und alle sind zufrieden.

kilometerlang so

Das Wasser im Fluss fliesst uns immer noch entgegen und es sieht nirgends nach einem Passübergang aus. Inzwischen schaffen wir nur noch 20km pro Stunde und wissen, dass wir uns mit der Strecke verschätzt haben und heute Tineghir nicht mehr erreichen. Notfalls müssen wir halt in den Bergen irgendwo frei übernachten.

Aber um 16 Uhr erreichen wir dann die Passhöhe doch noch, die ersten Schneefelder links und rechts, ein zügiger Wind, aber wir haben keine Ahnung, wie hoch wir hier sind. Nach Karte sind die Bergspitzen um 3000m und viel weiter unten sind wir nicht…

zwischendurch auch so

Nach der Passhöhe sind es dann nur gerade 7km leichte Abfahrt und wir stehen an einer Strassenkreuzung: Tineghir 94km, Camping 15km. Das ist ja perfekt! Für die 15km haben wir aber gerade nochmals eine halbe Stunde und erreichen den unebenen Kiesplatz der Herberge gerade noch vor dem Eindunkeln. Aber hier können wir über Nacht campieren und werden in dieser Herberge grad noch eine Tajine essen, die wir auf 19 Uhr bestellt haben.

Ach ja, die Marokkaner wissen immer noch nicht wirklich, wie spät es ist. Manchmal ist es 18 Uhr, manchmal 19 Uhr zum gleichen Zeitpunkt. Scheint aber niemand zu merken und auch niemand zu stören.


Übernachtung

Agoudal - Kasbah Citoyenne**
Stellplatz

vor der Unterkunft

Koordinaten: 32.013939,-5.483629
letzter Besuch: 11.2018

6.11.2018 - Hallo Ihr Beiden, schön, Euch zu "verfolgen" :-) Ich kann es förmlich hören und riechen. Das Gewusel, das Chaos, Abgase. Aber das gehört dazu. Wir haben vor zwei Jahren Marokko kennen- und lieben gelernt. Es war einer unserer nachhaltigsten Urlaube bisher und wir kommen wieder! So nette Menschen überall, hilfsbereit, freundlich und Gästen gegenüber aufgeschlossen. Wir wünschen Euch noch viel Spaß und genießt Eure Zeit. Liebe Grüße Marc PS: Habt Ihr eine Reiseroute geplant oder lasst Ihr Euch treiben?

- Marc


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